Born in ’58
Die Ereignisse, die einen Charakter formen, können auf seltsame und unvorhersehbare Weise zusammenhängen. Ich wuchs bis zur Geburt meiner Schwester 1963 als Einzelkind bei meinen Großeltern auf. Es kann eine Weile dauern, bis man die Dynamik innerhalb von Familien begriffen hat, und ich brauchte ganz schön lange, bis der Groschen fiel. Doch dann wurde mir klar, dass meine Erziehung von einer Mischung aus Schuldgefühlen, unerwiderter Liebe und Eifersucht geprägt war, sowie einem unerschütterlichen Pflichtgefühl und dem Zwang, stets alles zu geben. Heute weiß ich, dass da nicht viel Zuneigung im Spiel war, aber doch immerhin ein gewisser Blick fürs Detail. Angesichts der Umstände hätte es viel schlechter für mich laufen können.
Meine echte Mutter war früh schwanger geworden und hatte gerade noch rechtzeitig einen etwas älteren Soldaten geheiratet. Er hieß Bruce. Ihr Vater war beauftragt worden, das Werben der beiden zu überwachen, doch er war weder geistig noch moralisch streng genug, um dieser Verpflichtung nachzukommen. Ich vermute, dass er insgeheim auf der Seite der jungen Liebenden war. Ganz anders als meine Großmutter: Ihr einziges Kind wurde von einem Raufbold gestohlen, der noch nicht mal aus dem Norden Englands stammte, sondern ein Eindringling aus den flachen Sümpfen und der möwenverdreckten Einöde von Norfolk war. Ost-England. Eine Welt aus Marsch, Moor und Morast, seit Jahrhunderten die Heimat von Nonkonformisten, Anarchisten und Schmarotzern.
Meine Mutter war eine zierliche Person, arbeitete in einem Schuhgeschäft und hatte ein Stipendium für die Royal Ballet School gewonnen, doch ihre Mutter hatte ihr verboten, nach London zu ziehen. Ihr war die Chance genommen worden, ihren Traum auszuleben, also stürzte sie sich auf den nächsten, und ein Teil davon war ich. Ich betrachtete oft ein Bild von ihr, auf dem sie Ballettschuhe trug, sie war ungefähr vierzehn. Es schien mir völlig unmöglich, dass das meine Mutter sein sollte, dieses feenhafte Sternchen, so naiv und voller Freude. Das Bild auf dem Kaminsims stand für alles, was hätte passieren können. Das Tanzen war Vergangenheit, jetzt ging es nur noch um die Pflicht – und einen gelegentlichen Gin Tonic.
Meine Eltern waren so jung, dass ich in keinster Weise nachvollziehen kann, was ich an ihrer Stelle getan hätte. Im Leben ging es um Bildung, es ging darum, der Arbeiterklasse zu entkommen, aber trotzdem mehrere Jobs zu haben. Die einzige Sünde bestand darin, sich nicht wirklich anzustrengen.
Mein Vater war ein sehr ernster Mann, und er strengte sich mächtig an. Er entstammte einer sechsköpfigen Familie, der Sohn eines Bauernmädchens, das mit zwölf Jahren in die Knechtschaft verkauft worden war, und eines ordinären örtlichen Bauarbeiters, der Motorrad fuhr und als Kapitän eine Fußballmannschaft in Great Yarmouth auf den Platz führte. Die große Liebe meines Vaters waren Maschinen und die Welt der Mechanismen, der Steuerung, Entwicklung und Zeichenkunst. Er liebte Autos, und er liebte es, sie zu fahren. Allerdings war er der Meinung, die Gesetze bezüglich Geschwindigkeit, Anschnallpflicht und Alkohol am Steuer würden für ihn nicht gelten. Als ihm sein Führerschein entzogen wurde, meldete er sich freiwillig zum Militär. Freiwillige wurden besser bezahlt als Wehrdienstleistende, und die Armee schien nicht besonders wählerisch zu sein, wenn es darum ging, wer ihre Jeeps fuhr.
Nachdem das Militär ihm die Fahrerlaubnis umgehen