Kapitel 1
Es war in etwa so, wie Markon es beschrieben hatte. Cara konnte die Truhe aus dunklem Trabico-Holz erkennen und die Luft summte förmlich vor der Fülle an Schutzzaubern, die darüber gelegt waren. Kein Wunder, dass Markon besorgt war.Wer solch einen Aufwand betreibt, der hat vielleicht wirklich etwas zu verbergen, dachte sie. Sie schätzte die Entfernung bis zum Boden ab, dann sprang sie von dem Sims des Fensterschlitzes, durch den sie eingedrungen war und landete leichtfüßig. Ihre weichen Ledersohlen verursachten kein Geräusch auf dem dunklen Basalt des Bodens. Sie trug Schuhe von einer Qualität, die exquisit war, denn davon konnte ungemein viel abhängen. Cara überließ so etwas nicht dem Zufall. Eine löchrige Sohle, ein durchgetretener Nagel konnte den Unterschied zwischen Erfolg und Niederlage ausmachen und der konnte tödlich sein. Im Innenraum des Tempels war es fast unangenehm kühl, offenbar war der Beginn des Sommers noch nicht durch die meterdicken Mauern gedrungen. Es roch nach dem schweren Räucherwerk, das die Priester für den Gott verbrannten und kaltem Rauch. Sie ging zielstrebig auf die Truhe zu und sah sich vorsichtig um. Das Areal, um das die Bannlinien lagen, war sichtbar, denn feiner Staub bedeckte den Tempelboden und dort, wo die Zauber begannen, brachen die winzigen Spuren nächtlicher Besucher abrupt ab. Die Ratten, deren Krallenspuren überall zu finden waren, fanden ebenso wenig Einlass wie größere Besucher. Cara erkannte eine tote Ratte, die den Linien wohl zu nahe gekommen war, aber sie blieb die Einzige. Nach Art der Ratten schienen sich die übrigen diese Tatsache zu Herzen genommen zu haben. Unberührt lag die Staubschicht im Inneren des unsichtbaren Walles. Tödliche Schutzzauber von großer Wirksamkeit. Cara lächelte und trat hinein. Sie zuckte nicht einmal, als sie die Bannlinien durchschritt, die jeden anderen sofort getötet hätten. Vorsichtig ging sie in die Hocke und besah sich die Truhe. Einlegearbeiten verzierten den gewölbten Deckel und bildeten das Symbol Aegrans, das himmlische Auge der Macht. Schimmerndes Muschelmark kontrastierte mit wasserblauem Myrionstein. Das Schloss war eine Herausforderung, ein komplizierter Mechanismus und sie benötigte einige Zeit, um das Problem zu lösen. Sie klappte den Deckel auf und blickte in die Höhlung, die mit hellblauem Samt ausgeschlagen war. Gespannt beugte sie sich über den Inhalt. Sie erkannte einige Rollen Pergament, eng beschrieben und das dürftige Licht, das durch die schmalen Fensterschlitze des Tempels fiel, war ausreichend, um zu sehen, dass es tatsächlich in der Sprache ihres westlichen Nachbarn verfasst war. Rasch überflog sie die Dokumente, bis sie auf etwas stieß. Eilig hingeschriebene Namen, die sie kannte, gefolgt von einer kurzen Beschreibung.Verdammt, fluchte sie lautlos.Ich hatte gehofft, das nicht tun zu müssen, aber jetzt ist es unabwendbar.Warum sind sie nur immer so dumm? Eilig nahm sie die Dokumente an sich und verschloss die Truhe wieder. Sie huschte zur großen Eingangstür und prüfte die Verriegelung. Zwar waren die Türen alt und spröde, aber das Tor war von innen verschlossen, ein schwerer Querbalken. Keine gute Gelegenheit für ein unauffälliges Vorhaben. Seufzend entschied sie sich dafür, denselben Weg zu nehmen, auf dem sie hinein gelangt war und suchte nach einer Möglichkeit, den hoch über ihr liegenden Schlitz zu erreichen. Schließlich entschied sie sich für eine Steigkralle und das Eisen verhakte sich bereits beim zweiten Anlauf am äußeren Sims. Vorsichtig prüfte sie die Tempelgärten aus der Sicherheit der Fensteröffnung, während sie die Kralle wieder in ihrer Ausrüstung verstaute, aber es war weit und breit niemand zu sehen. Sie sprang hinab, mied die hellen Bereiche, auf die der halbvolle Mond sein silbernes Licht warf und huschte von Schatten zu Schatten. Es war eine milde Nacht, Bote des Sommers, der heraufziehen würde, und die Goldblattbäume trugen dichtes Laub, eine gute Deckung für sie. Auch die immergrünen Duftzedern standen dicht gesetzt, so dass sie keine Schwierigkeiten hatte, sich zu verbergen. Der intensive Geruch der Bäume erfüllte die Luft, leicht stechend und in der Lunge prickelnd, wenn man tief einatmete.
Die Gemächer der Priester lagen etwas abseits, ein niedriger, einstöckiger Bau ohne Fenster. Die Kammern der einfachen Gottesdiener interessierten sie nicht, denn es war der Hohepriester, den sie suchte und er bewohnte ein eigenes kleines Bauwerk. Ein kleiner Säulenvorbau vor dem Eingang unterstrich die Bedeutung des hier Wohnenden. Allerdings behüteten die Tempelwächter die Räume der Priester und Cara hatte alle Hände voll zu tun, um ihren Patrouillen auszuweichen. Sie wartete, hoffte, dass es eine Wachablösung geben würde, etwas