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Köln, August 2016
Einschlafen ist wie sterben. Der Unterschied besteht im Aufwachen. Und in letzter Zeit wünschte sich Maundu Odera immer öfter, nicht mehr aufzuwachen.
Einen Moment lang war er völlig orientierungslos. Über ihm der blaue Himmel. Genau wie zu Hause. Doch dann schreckte er hoch. Wie lange hatte er geschlafen?
Er hatte seinen schlaksigen Körper doch nur einen Augenblick auf den Rechen gestützt und die Augen geschlossen. Wieso lag er jetzt hier im Gras? Maundu wusste, dass er sofort rausfliegen würde, wenn der Anwalt ihn erwischte. Aber er bekam einfach zu wenig Schlaf.
Um drei Uhr morgens war er aufgestanden und hatte den ganzen Tag in dem Hotel in der Innenstadt geschuftet. Spülen, Schuhe putzen, Wäschesäcke schleppen. Zehn Stunden lang. Nach Feierabend waren ihm nur ein paar Minuten geblieben, um den Bus zu erwischen. Die Fahrt raus aus der Stadt war die erste Pause des Tages gewesen.
Von der Bushaltestelle musste Maundu noch einige Minuten in der brütenden Hitze laufen bis zum Anwesen des Anwalts, bei dem er zweimal in der Woche einen Job als Gärtner hatte.
Und dann half er noch an zwei Abenden in einem Restaurant aus. Doch das Geld, das er verdiente, reichte gerade, um nicht zu verhungern und seiner Familie jeden Monat eine kleine Summe zu schicken. Hatte er dafür seine Heimat verlassen und die lange Reise von Kenia nach Europa auf sich genommen?
Aber warum war er aufgewacht? Ängstlich wie ein gehetztes Tier sah Maundu sich um. Da war niemand. Mühsam rappelte er sich hoch. Irgendein Geräusch hatte ihn geweckt. Hinten beim Haus. Es war hier immer so unwirklich still, dass man jedes Türenschlagen wahrnahm. Diese Gärten der reichen Leute erinnerten ihn an Friedhöfe. Es gab dort kein Leben. Kein Lachen, kein Streiten, kein Kindergeschrei. Höchstens mal einen Hund, der bellte, und das Zwitschern der Vögel. Aber wenigstens gab es Arbeit für Menschen wie ihn. Mehr interessierte ihn nicht.
Das Anwesen zog sich in einem sanften Schwung einen kleinen Hügel hinauf und Maundu ging mit seinem Rechen zu der Rasenfläche oben beim Haus. Besser, wenn der Chef sah, dass er was tat für sein Geld, auch wenn es ein schlechter Witz war, was er hier verdiente. Aber er musste froh sein, dass es überhaupt Leute gab, die jemanden wie ihn beschäftigten. Menschen, die es eigentlich gar nicht gab. Die es nicht geben durfte. Die aber trotzdem da waren. Illegale. Schattenmenschen. Wie Maundu, der gezwungen war, ein unsichtbares Leben in Deutschland zu führen.
Es machte ihn nervös, wenn der Anwalt zu Hause war. Er hatte immer etwas an seiner Arbeit auszusetzen und noch nie ein freundliches Wort für ihn übrig gehabt. Aber zum Glück bekam Maundu ihn nur selten zu Gesicht. Meist war bloß seine Frau da, die viel Zeit telefonierend am Swimmingpool verbrachte.
Oft sonnte sie sich auch mit nackten Brüsten, während er den Rasen mähte. Aber nur, wenn der Anwalt nicht zu Hause war. Vielleicht wollte sie ihn provozieren oder sich über ihn lustig machen. Vielleicht existierte er für sie aber auch einfach nicht. Dieses schamlose Verhalten widersprach all seinen Moralvorstellungen. In Maundus Augen war diese Frau nichts anderes als eine Hure. Aber wenigstens hatte sie nie etwas an seiner Arbeit auszusetzen.
Im Moment war allerdings weder der Anwalt noch dessen Frau zu sehen. Sein kleines Schläfchen war also folgenlos geblieben. Die Terrassentür des Hauses stand offen und die weiße Gardine bewegte sich leicht