EIN GUTES GEDÄCHTNIS IST EIN FLUCH, DER EINEM SEGEN ÄHNLICH SIEHT.
Harold Pinter
An diesem Tag herrschte ein Wetter, dem alles zuzutrauen war, wie die Fischer immer sagten. Der Strand vonSt. Brelade’s Bay zeigte sich auffallend menschenleer. Seit den frühen Morgenstunden zogen tief hängende, dicke Nebelschwaden über Jersey hinweg und ließen kaum die Sonne durch. Niemand hatte Lust, schwimmen zu gehen, auch weil der Westwind sehr viel heftiger wehte als sonst.
Nur am Anfang der Bucht, an der stattlichen Kirche mit ihrer kleinerenFisherman’s Chapel, parkten auffällig viele Autos. Nicht dass man in St. Brelade’s Bay besonders religiös gewesen wäre. Aber heute war der Tag, an dem der junge Vikar Godfrey Ballard verkünden wollte, wie viel Geld die Versteigerung der beiden Tagebücher des Schriftstellers Victor Hugo eingebracht hatte, die man durch Zufall auf dem Dachboden des Pfarrhauses gefunden hatte. Hugo hatte von 1852 bis 1855 im Exil auf Jersey gelebt, und der Fund seiner Tagebücher aus dieser Zeit – mit ersten Ideen für den großen RomanLes Misérables – war eine literarische Sensation gewesen. Gestern hatte beiChristie’s in Paris die Auktion stattgefunden, deren Erlös die kleine Kirchengemeinde dringend für Renovierungen benötigte.
Als schon alle in der Kirche saßen, öffnete sich noch einmal leise die schwere Holztür zum Vorraum, und Simon Stubbley schlüpfte hinein. Um nicht gesehen zu werden, blieb er in einer Nische stehen, wo er sich heftig atmend an die Wand lehnte. Er war den ganzen Weg von den Dünen bis hierher gelaufen. Den Kragen seiner unauffälligen grauen Jacke hatte er hochgestellt, sodass man nicht viel mehr sah als weiße Haare und ein weißbärtiges Gesicht. Er glaubte nicht, dass ihn hier im Halbdunkel jemand erkennen würde. Die Jacke hatten sie ihm bei seiner Entlassung aus dem Gefängnis mitgegeben, und er war froh, dass er sie heute Morgen angezogen hatte.
Vorsichtig spähte Simon in das Innere der Kirche. Der Gang war mit einem blauen Teppich ausgelegt. Da der Gottesdienst noch nicht begonnen hatte und gerade erst die Gesangsbücher verteilt wurden, stand der Vikar noch an der vorletzten Bank und plauderte mit John Willingham, dem eleganten ehemaligen Richter, der jetzt wieder als Anwalt arbeitete und seinen Anteil daran hatte, dass Simon vorzeitig entlassen worden war. Willingham war für seine Schlagfertigkeit bekannt. Vikar Ballard fragte ihn etwas, worauf Willingham schnell und witzig antwortete, sodass Godfrey lachen musste.
Simon ließ seinen Blick über die anderen Bänke in der Kirche schweifen. Sie waren alle da. Es erfüllte ihn mit Befriedigung zu sehen, dass die meisten von ihnen in den vergangenen sechs Jahren ebenfalls sichtlich gealtert waren.
Dann entdeckte er endlich auch Emily Bloom.
Nur ihretwegen war er hier. Er wollte noch einmal wissen, wie sie lebend aussah.
Sie saß in der vierten Reihe. Lächelnd unterhielt sie sich mit ihrem Banknachbarn. Simon konnte sehen, dass sie immer noch eine interessante Frau war. Sie musste jetzt um die fünfzig sein und wirkte mit ihren hochgesteckten dunkelblonden Haaren wie eine wahrhafte Lady. Es schmerzte ihn.
All die Jahre im Gefängnis hatte er das kleine Foto von Emily Bloom aufgehoben und es sich von Zeit zu Zeit angeschaut. Das tat er immer dann, wenn er merkte, dass ihr Bild in seiner Erinnerung zu verblassen drohte.<