: Claus Beling
: Drum stirb auch du Ein Jersey-Krimi
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955309657
: 1
: CHF 3.60
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 320
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wissen ist Macht. Oder eine tödliche Gefahr ... Eine grausam zugerichtete Leiche in den Dünen und der Mord an einem Hotelier versetzen die Polizei der Kanalinsel Jersey in Alarm. Als die Teehändlerin Emily Bloom erfährt, dass sie das nächste Opfer sein soll, nutzt sie ihr absolutes Gedächtnis, um selbst nach dem Täter zu suchen. Bald erkennt sie, warum ihr Wissen tödlich ist. Denn die Jagd auf Emily hat längst begonnen ...

Claus Beling, geb. 1949, war fast zwei Jahrzehnte lang Unterhaltungschef des ZDF und hat in dieser Funktion unzählige erfolgreiche Programme kreiert, vom anspruchsvollen Fernsehfilm über den Krimi bis zur internationalen Romanverfilmung. Als Erfinder der Rosamunde-Pilcher-Reihe und der Inga-Lindström-Filme hat Claus Beling wie kaum ein anderer die dramatische Kraft großer Landschaften erkannt und erzählerisch genutzt. Der promovierte Literaturwissenschaftler ist ein profunder England-Kenner und hat mehrere Reisebücher über das Land geschrieben. Falls er sich nicht gerade in seinen Lieblingslandschaften Cornwall und Jersey aufhält, lebt er im Chiemgau.

EIN GUTES GEDÄCHTNIS IST EIN FLUCH, DER EINEM SEGEN ÄHNLICH SIEHT.


Harold Pinter

An diesem Tag herrschte ein Wetter, dem alles zuzutrauen war, wie die Fischer immer sagten. Der Strand vonSt. Brelade’s Bay zeigte sich auffallend menschenleer. Seit den frühen Morgenstunden zogen tief hängende, dicke Nebelschwaden über Jersey hinweg und ließen kaum die Sonne durch. Niemand hatte Lust, schwimmen zu gehen, auch weil der Westwind sehr viel heftiger wehte als sonst.

Nur am Anfang der Bucht, an der stattlichen Kirche mit ihrer kleinerenFisherman’s Chapel, parkten auffällig viele Autos. Nicht dass man in St. Brelade’s Bay besonders religiös gewesen wäre. Aber heute war der Tag, an dem der junge Vikar Godfrey Ballard verkünden wollte, wie viel Geld die Versteigerung der beiden Tagebücher des Schriftstellers Victor Hugo eingebracht hatte, die man durch Zufall auf dem Dachboden des Pfarrhauses gefunden hatte. Hugo hatte von 1852 bis 1855 im Exil auf Jersey gelebt, und der Fund seiner Tagebücher aus dieser Zeit – mit ersten Ideen für den großen RomanLes Misérables – war eine literarische Sensation gewesen. Gestern hatte beiChristie’s in Paris die Auktion stattgefunden, deren Erlös die kleine Kirchengemeinde dringend für Renovierungen benötigte.

Als schon alle in der Kirche saßen, öffnete sich noch einmal leise die schwere Holztür zum Vorraum, und Simon Stubbley schlüpfte hinein. Um nicht gesehen zu werden, blieb er in einer Nische stehen, wo er sich heftig atmend an die Wand lehnte. Er war den ganzen Weg von den Dünen bis hierher gelaufen. Den Kragen seiner unauffälligen grauen Jacke hatte er hochgestellt, sodass man nicht viel mehr sah als weiße Haare und ein weißbärtiges Gesicht. Er glaubte nicht, dass ihn hier im Halbdunkel jemand erkennen würde. Die Jacke hatten sie ihm bei seiner Entlassung aus dem Gefängnis mitgegeben, und er war froh, dass er sie heute Morgen angezogen hatte.

Vorsichtig spähte Simon in das Innere der Kirche. Der Gang war mit einem blauen Teppich ausgelegt. Da der Gottesdienst noch nicht begonnen hatte und gerade erst die Gesangsbücher verteilt wurden, stand der Vikar noch an der vorletzten Bank und plauderte mit John Willingham, dem eleganten ehemaligen Richter, der jetzt wieder als Anwalt arbeitete und seinen Anteil daran hatte, dass Simon vorzeitig entlassen worden war. Willingham war für seine Schlagfertigkeit bekannt. Vikar Ballard fragte ihn etwas, worauf Willingham schnell und witzig antwortete, sodass Godfrey lachen musste.

Simon ließ seinen Blick über die anderen Bänke in der Kirche schweifen. Sie waren alle da. Es erfüllte ihn mit Befriedigung zu sehen, dass die meisten von ihnen in den vergangenen sechs Jahren ebenfalls sichtlich gealtert waren.

Dann entdeckte er endlich auch Emily Bloom.

Nur ihretwegen war er hier. Er wollte noch einmal wissen, wie sie lebend aussah.

Sie saß in der vierten Reihe. Lächelnd unterhielt sie sich mit ihrem Banknachbarn. Simon konnte sehen, dass sie immer noch eine interessante Frau war. Sie musste jetzt um die fünfzig sein und wirkte mit ihr