Zufällig am Leben
Der 14. Oktober 1947 ist auch in der Schönhauser Allee schön. Das heißt, die Sonne wärmt ein bisschen, und das tut gut, wo doch alles kalt und öd ist im dritten Nachkriegsjahr Berlins. Not und Trauer überall. Das Land, die Stadt, die Straße in Trümmern. Aber nicht unser Haus. Nicht die Schönhauser Allee 27, die thront mit zwei Nachbarhäusern über den Ruinen. Den Grund nenn ich später. Zuerst muss ich darin geboren werden. Und zwar als ein für die Hungerzeit erstaunlicher Achtpfünder. Mein Kopf gleicht einer Spitztüte, weshalb die Großmutter aufschreit: »Der sieht ja aus wie die Heilige Inquisition!« Wie kann man so etwas beschreien? Und überhaupt: Welch lausige Begrüßung, wenn man doch nur am Leben ist, weil einiges nicht passierte!
Der mein Vater werden sollte, ein Matrose von fröhlicher Korpulenz und notorischer Weibstollheit, starbnicht den »Heldentod«. Kurz bevor sein Minensuchboot nachts auf See explodierte und sank, hatte es Alarm gegeben und im Schlaf war ihm der Smutje auf den Magen gesprungen. Der Vater in spe rettete sich über Bord und schwamm um sein Leben, zuckende Körper, die sich an ihn klammerten, zurückstoßend. Die meine Mutter werden sollte, starb, als das Kindermädchen unachtsam war, im Vorschulalternicht unter dem Fangkorb einer Straßenbahn. Ein Feuerwehrkran befreite sie, als der Tod schon den Umhang schwenkte. Und ich endetenicht als Fehlgeburt, denn monatelang hatte meine Mutter auf Anraten des Arztes das Bett gehütet, um mich zu behalten. Und dann das Geburtshaus. Es branntenicht wie die halbe Umgebung im letzten Kriegsjahr nieder. Mein Vater war nach Berlin kommandiert worden, und Heimweh hatte ihn zuerst in die 27 geführt, wo er und seine Kameraden alle übergreifenden Brände löschten. Man muss dem Schicksal für so viel Gefälligkeit dankbar sein.
Als ich zur Welt komme, wird unsere Familie fünfköpfig. Das Zepter schwingt meine Großmutter Katharina, fünfzig Jahre alt und immer noch eine schöne Frau. Sie stammt aus dem thüringischen Eisenberg, wo sie als Älteste von fünf Geschwistern von ihrer Mutter Martha als Aschenputtel gehalten wurde. Vielleicht wäre sie das auch geblieben, hätte die herrische Martha nicht eine Schwester Meta gehabt. Die war als Enfant terrible dafür bekannt, den geschlechtsreifen Söhnen Eisenbergs die Hosenställe zu lüften. Gelegentliche Unfälle behob ein anarchistischer Medizinalrat, bis es für Meta höchste Zeit war, im anonymen Großraum von Berlin unterzutauchen.
Schon immer hatte meine Großmutter ein Faible für ihre Tante und deren freien Geist gehabt. Sie liebte die unangepasste, aufsässige Art, mit der Meta die Karten des Lebens mischte. Nun zog es sie in ihre Nähe – nach Berlin. In einem reichen jüdischen Haushalt nahm sie die Stellung eines Kindermädchens an. Die gab sie auf, als der gutsituierte Schneidermeister Karl Sinnhöfer sie heiratete. Sie bekam zwei Kinder, meine Mutter Helga und Egon, den ein Jahr später Geborenen. Man wohnte im reichen Berliner Stadtteil Schmargendorf, überstand die Inflation durch Goldeinnahmen im Schneidergeschäft. Man hatte Hausangestellte und führte – sieht man von Helgas Straßenbahnunfall ab – ein sorgloses, komfortables Leben. Das änderte sich abrupt, als Karl Sinnhöfer 1929 starb. Meine Großmutter, vor Schmerz besinnungslos, musste mit Gewalt daran gehindert werden, dem in die Erde gelassenen Sarg nachzuspringen. Der Tod ihres Mannes war auch in materieller Hinsicht eine Katastrophe, denn dessen Kompagnon rückte der jungen, unerfahrenen Witwe keine Geschäftsant