: Hartmut Riehm
: Tin Soldier Eine Jugend im Wirtschaftswunderland
: neobooks Self-Publishing
: 9783742782021
: 1
: CHF 5.20
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: Märchen, Sagen, Legenden
: German
: 522
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Von den Diakonissen des Kinderheims brutal gefoltert. Von Lehrer und Erzieher missbraucht. Von Mitschülern gequält und unterdrückt. Das sind die frühen Erfahrungen des Reinhard Tamm in seiner Kindheit und frühen Jugend. Dann freundet er sich mit Michael an und lernt von ihm in der Baumschule des Internats, wie er sein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung gestalten kann. Die 68er-Jugend rebelliert im Wirtschaftswunderland Deutschland. Sie stellt Fragen nach der braunen Vergangenheit ihrer Eltern und kämpft für Bürgerrechte und Frieden in der Welt. Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg, die zwielichtige Politik der Großen Koalition, der Vietnamkrieg und das Entstehen der RAF in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren führen zu hitzigen und kontroversen Diskussionen zwischen den beiden Freunden, aber auch zu Aktionen gegen alte Nazis im Lehrerkreis. In diesem Umfeld wachsen Reinhard und Michael auf und finden ihren Weg in das Leben.

Ich bin Hartmut Riehm, Jahrgang 1953, verheiratet, zwei Töchter, einen Sohn und drei Enkelkinder. Unser Zuhause ist im ländlichen Nürnberg (Schnepfenreuth). Meine Leidenschaften sind leckeres Essen, spannende Bücher, anregende Gespräche und Dispute, gute Musik, Rotweine aus dem Piemont und torfiger Whisky aus Schottland. Nicht immer in dieser Reihenfolge und oft in wechselnden Dosierungen. Ich habe mehr als 30 Jahre gearbeitet, jetzt will ich nur noch schreiben.

4. Das Rüschenhäubchen


 

Das weiße Häubchen einer Diakonisse ist ein kleines Meisterwerk. Kunstfertig bestickt wird sie am äußeren Rand eingefasst durch eine ebenfalls bestickte Rüschenborte, die als breite Schleife endet und unter dem Kinn gebunden wird. Die Rüschenborte besteht aus einem meterlangen, knapp fünf Zentimeter breiten weißen, fein verzierten Band, das mit großem Geschick durch einen kräftigen Faden hindurch jeweils im Wechsel nach oben und unten zu kleinen Schleifen gefaltet wird. So ergibt sich in der Reihung der einzelnen Schleifen eine Borte, die mit wenigen Nadelstichen an der Vorderseite der Haube fixiert wird. Das Häubchen mit der Rüschenborte verwandelt ihre Trägerin optisch in eine Dienerin Christi, sie gibt ihr eine religiöse Aura, eine Art von Heiligenschein. An Werktagen trägt eine Diakonisse ein einfaches, mausgraues Kleid mit einer gestärkten, ungeschmückten Arbeitshaube, an Sonn- und Feiertagen wandet sie sich in ein wallendes schwarzes Kleid, das mit winzigen weißen Punkten wie ein mitternächtlicher Sternenhimmel übersät ist.

 

Jeden Sonntag saßen die Diakonissen des evangelischen Kinderheimes in der Puttenflechter Straße 22 in T., das etwa sechs Monate nach meiner Geburt mein Zuhause, nicht aber meine Heimat wurde, geschmückt mit ihren frisch gestärkten Rüschenhäubchen beim Gottesdienst im kleinen Gemeindesaal des Heimes in der ersten Reihe. Angeführt von Schwester Adele, der Leiterin des Hauses. Heute würde man sagen, Schwester Adele besitze eine majestätische Aura – sie war groß, breit, aber von einer imposanten Statur, mit erhobenem Kopf und konzentrierter Spannung in Haltung und Gang. Zwar gelang es der Schleife ihrer Rüschenhaube nicht, das gewaltige Doppelkinn zurückzuhalten, aber Schwester Adele wirkte nicht fett oder feist. Spielend konnte sie jedes Gegenüber allein durch ihre mächtige Präsenz erdrücken. Ihr Gesicht mit den dominierenden Backentaschen schien seltsam unfertig, als habe ein Bilderhauer mitten in seiner Arbeit die Lust verloren. Die klobige Nase mit schwarzen, pinselartigen Nasenhaaren war von einer grobporigen Haut umspannt, die Augen lagen wie Kohlestücke mit einem smaragdfarbenen Rand in den Höhlen. Der Mund war kräftig, die Lippen voll. Ihre tönende Stimme hatte etwas Glockenhaftes, Singendes, wenn ihre Stimmung das zuließ. In dunklen Augenblicken aber wurde sie zu einer Waffe, gegen die es keine Verteidigung gab, kein Ausweichen, keine Flucht. Oft war ich dieser schwarzen Stimme in meiner Kindheit ausgesetzt, sie verfolgte mich bis in den letzten Winkel meiner Träume und war sicher furchtbarer als die Ohrfeigen, die „Ta Dele“ – so hatte ich sie als Kleinkind genannt – ausdauernd und beidhändig zu setzen wusste. Schwester Adele war komplett areligiös, sie glaubte nicht an Gott. Aber sie wusste geschickt die Inszenierungen der evangelischen Kirche für ihre Auftritte zu nutzen. Dann glänzten ihre nachtdunklen Augen gottvoll, ihre Bewegungen wurden weich und schwingend, die Hände hatten etwas Segnendes, die baritonfarbige Stimme hätte sogar den Heiland am Kreuz zum Weinen gebracht. Der gleiche Heiland wäre aber liebend gerne und freiwillig wieder auf sein Marterholz gestiegen, um sich dem Zorn der Schwester zu entziehen.

Zu ihrer Linken saß Schwester Luise, die Leiterin der Mädchengruppe. Sie war in allem das genaue Gegenteil von Schwester Adele und dieser fast hündisch, doch nicht ohne kleinlauten Widerspruch ergeben. „A – deee – le!“ hörte man sie oftmals sagen, mit zitterndem Vorwurf in der Stimme. Schwester Luise war schlank, fast knochig, drahtig wirkend, aber schon vom Alter gebogen. Während der Auftritt von Schwester Adele schon am Öffnen der Tür erkennbar war, bemerkte ich Schwester Luise oft erst, wenn sie bereits unmittelbar, doch irgend