Prolog
„Sie-haben-Po-host“, leierte Franca wie die Stimme einer E-Mail-Benachrichtigung in den frühen Morgen, als sie in die Küche trat, in der Cécile, Marie, Julie und Eleni gerade mit der Zubereitung despetit déjeuner beschäftigt waren. Sie knallte Marie und Julie je einen verschlossenen Briefumschlag auf den Tisch.
„Schau an“, sagte Marie erstaunt, „seit wann bekommen wir denn im digitalen Zeitalter noch Briefe durch den Postboten?“, und ließ sich auf der Bank vor dem Esstisch nieder. „Ich wüsste nicht, wer mir noch mit Tinte auf Papier schreiben sollte. Meine Kinder mailen, skypen, faxen, und wenn es hochkommt, dann rufen sie auch mal an …“
„Das ist nun mal das digitale Zeitalter“, ließ Cécile sie wissen und setzte sich neben sie auf die Küchenbank. „Sieh doch erst mal nach, von wem der Brief ist.“
„Würde ich ja gerne, aber ich suche meine Brille schon seit dem Aufstehen.“
„Excuse-moi“, lachte Eleni, „die hatte ich mir ausgeliehen, weil ich mal kurz in die Zeitung gucken wollte.“ Sie fummelte Maries Lesegerät aus ihren Haaren und gab es der rechtmäßigen Eigentümerin zurück.„Mon Dieu“, atmete diese erleichtert auf, „ich hatte schon befürchtet, ich müsste mir eine neue zulegen. Danke,chérie, da bin ich aber froh …“
„Wer hat einen schönen Po?“, wollte Julie wissen und setzte sich Marie gegenüber an den Tisch. „Froh, nicht Po, meine Liebe. Hast du mal wieder dein Hörgerät auf dem Nachttisch liegen gelassen?“, fragte Franca leicht ungehalten.
„Non, non“, beeilte sich Julie zu widersprechen und zeigte auf die kleinen Stöpsel in ihren Ohren.
„Das verstehe ich nicht. Wieso hörst du dann immer noch so schlecht?“, meldete sich Marie. „Du kennst doch den Slogan von der Hörgerätefirma: ‚Ich habe einen Floh im Ohr‘, und zack, hört sogar ein bekannter Schauspieler wieder das Gras wachsen.“
„Sie ist einfach zu eitel, um diese Dinger zu tragen“, flüsterte Eleni Marie zu, „lieber versteht sie nur Bahnhof …“
„Ja“, ergänzte Cécile, „aber sie schenkt uns dadurch doch auch so manch heitere Stunde.“
Julie war gekränkt. „Das habe ich gehört“, worauf die Freundinnen versuchten, einen spontanen Lachanfall zu unterdrücken, „ihr braucht gar nicht so zu kichern. Man macht sich über die Gebrechen anderer einfach nicht lustig“, klagte sie weinerlich.
„Das ist kein Gebrechen, Schätzchen“, widersprach Marie energisch, „in unserem Alter lahmt doch bei jedem etwas: Ich zum Beispiel kann ohne Brille nichts mehr sehen, Eleni bekommt beim bloßen Anblick eines guten Weines Magenkrämpfe und Migräne, Franca hat es im Kreuz … ach, übrigens, was hast du eigentlich, Cécile?“
„Ich habe gute Gene“, sagte diese todernst und brach damit nun doch ein kollektives Gelächter vom Zaun. „So, Marie“, forderte sie dann aber energisch, als alle wieder bei Atem waren, „lass uns endlich wissen, von wem der ungewöhnliche Brief ist.“
Marie setzte sich ihre Brille auf die Nase, schaute auf den Absender und sah überrascht hoch.
„Na, nun sag schon was“, forderten die anderen neugierig.
„Ihr werdet es nicht glauben, der ist von Yvette Gallo, der französischen Kosmetikfirma, bei der ich auch in Deutschland schon seit Jahrzehnten meine Töpfchen, Tiegelchen, Tübchen und Wässerchen bestellt habe, um so auszusehen, wie ich jetzt aussehe,n’est-ce pas? Das Ergebnis ist doch nicht von der Hand zu weisen!“ Sie erhob sich und ging zu dem kleinen Spiegel, der über dem Telefonti