Meine Mutter hat etwas Großes vor. Sie will sich ihren Lebenstraum erfüllen. Ihr Lebenstraum ist es, mich heute per Mitfahrzentrale zu meinem Opa in die Alpen zu bringen und mich dort zu lassen. Anschließend will sie weiter zum Flughafen fahren und nach Ibiza fliegen. Meine Mutter hat nämlich vor, mit mir dahin auszuwandern. Und zwar schon bald.Vorher muss sie allerdings noch ein bisschen was auf Ibiza regeln.
Ibiza ist eine Insel. Sie liegt direkt vor Mallorca im Mittelmeer. Auf Ibiza spricht man Katalanisch. »Das klingt so ähnlich wie Spanisch«, meint Mama. »Also alles kein Problem!« Als würde ich Spanisch sprechen!
Bevor ich geboren wurde, war Mama schon mal auf Ibiza und hat da »die Zeit ihres Lebens« verbracht. Mit guten Freunden. Musik. Partys und Lagerfeuer am Strand. Und genau aus diesem Grund will Mama endlich wieder nach Ibiza, um dort noch mal die Zeit ihres Lebens zu erleben. Mama meint: »Ibiza ist einfach der Traum!« Genauer begründet sie das gar nicht. Und dann kriegt sie diesen glückseligen Blick, der ins Leere geht. Mama meint: »Sobald ich für uns auf Ibiza ein Häuschen gefunden habe, komme ich zurück und wir packen unsere sieben Sachen.« Dann wuschelt sie mir durchs Haar und ist in ihrer Fantasie schon wieder auf Ibiza. Ganz ehrlich: Bis jetzt hat mich Mama nicht ein einziges Mal gefragt, ob ich überhaupt nach Ibiza will! Am letzten Wochenende hat sie mir im Internet ein paar Fotos von einsamen Buchten mit weißen Segelschiffen, Cafés mit bunter Leuchtreklame oder kreischende Mädchen in Bikinis auf einem Bananenboot gezeigt und bei jedem Bild gefragt: »Ist das nicht der Hammer?«
Ich habe so ein bisschen genickt und gesagt: »Ja, sieht super aus.« Und: »Ist bestimmt warm da.«
Mama meinte gleich so aufgeregt: »Warm? Machst du Witze?! Da scheint immer die Sonne! Weißer Sandstrand, Palmen, türkisblaues Meer, Muscheln bis zum Abwinken, entspannte Leute, leckeres Essen, keine Sorgen.«
Ehrlich! Seit Mama ihr neues Leben auf Ibiza starten will, mache ich mir Sorgen! Und zwar eine ganze Menge Sorgen! Ihr Plan, nach Ibiza zu fliegen, bedeutet nämlich für mich, dass ich zu meinem Opa in die Berghütte muss, irgendwo in der Schweiz. Eigentlich hätte ich viel lieber solange bei meiner besten Freundin Jana gewohnt, aber Mama will nicht, dass mich fremde Leute durchfüttern, die selbst schon genug um die Ohren haben. Darum fehle ich jetzt zwei Wochen lang in der Schule und verpasse alle Arbeiten, weil Mama keine Lust hat, die Osterferien abzuwarten. Sie will jetzt los! »Ich bin eben eine impulsive Person!«, sagt Mama. Also lügen wir auch noch meine liebe Klassenlehrerin Frau Hase an und behaupten, dass ich wegen einer schweren Mandelentzündung fehle. Überflüssig zu erwähnen, dass ich Jana während dieser Zeit nicht anrufen darf, damit sie nicht erfährt, dass ich mich eigentlich mitten in den Alpen aufhalte. Als würde ich Jana verheimlichen, dass ich in die Schweizer Berge fahre! Hallo!? Sie ist meine beste Freundin! Sie kennt jedes Geheimnis von mir!
Aber das Besorgniserregendste an Mamas Lebenstraum ist, dass wir im nächsten Schritt unsere Wohnung aufgeben werden und ich auf Ibiza heimisch werden soll, wo ich keine Menschenseele kenne und alle katalanisch sprechen. Aber Mama meint: »Was machst du dir Sorgen, mein Stoppersöckchen? Ich habe dich schließlich nicht umsonst Isla genannt!«
Für alle, die es nicht wissen: Isla heißt Insel. Der