Die Großmutter sah auf einem Auge so gut wie nichts; ich glaube, das Übel, das sie hatte, nennt man „Mouche volante“. Desungeachtet las oder häkelte sie unermüdlich und trieb das eine wie das andere mit einem zugekniffenen Auge, Buch oder Arbeit knapp vor dem Gesicht. Krank war sie nie, kein Mensch sah sie je müßig sitzen. Einmal aber saß sie da mit den Händen vor sich auf dem schwarzen Rock, das war an dem Tag, an dem ihr jüngerer Sohn begraben wurde.
Dieser Sohn war blond und freundlich gewesen, er hatte es weit gebracht, wie man das nennt, er war nicht alt geworden, eine Millionenstadt hatte ihn geliebt und geehrt und bereitete ihm jetzt ein großartiges Begräbnis. Bei der Mutter saß der älteste Sohn, schwarzhaarig, angegraut schon, er erboste sich darüber, daß sein Kranz drüben bei der Aufbahrung – er deutete mit dem Kopf über die Schulter, um das in der gleichen Straße gelegene Trauerhaus zu bezeichnen – nicht auffällig genug am Katafalk placiert gewesen sei. Kein Mensch könne die Inschrift auf der Schleife lesen: Dein treuer Bruder. Seine Frau saß auch da, die Großmutter sagte ihr „Sie“. Heute sagte sie freilich gar nichts. Der Sohn schrie, denn die Großmutter war beinah taub. Die Schwiegertochter schrie: Wozu schreibt man das in Goldbuchstaben hin, dein treuer Bruder, wenn es kein Mensch liest? In einer Ecke des Zimmers befand sich ein schwarzgekleidetes kleines Mädchen. Das trat plötzlich vor und sagte – es zitterte etwas dabei –: Warum schreist du so? Mein Vater hat nie so schreien müssen mit der Großmama. Die Schwiegertochter schrie zugleich: Unerhört ist so was, fünfzig Gulden hat uns der Kranz gekostet, und aus Bosheit legen sie ihn nicht anständig hin. Das kleine Mädchen starrte das Weibsbild überwältigt an. Tief innig fühlte es, was das ist, menschliche Gemeinheit. Irgendein Verwandter führte die Kleine mit einem entrüsteten Ausruf aus dem Zimmer und strich ihr beschwichtigend über Stirn und Augen. Das war natürlich Unsinn. Diese runde, komplette Offenbarung hatte die Kleine viel weniger verwundet als vielmehr rasend interessiert. Also so sah das aus, darum verkehrte man nicht mit der Frau. Und auch nicht mit ihrem Mann, obgleich er der Bruder war. Es war wohltuend, wie das stimmte.
Das angenehme Ehepaar, das auf diese Weise aus dem Nichts in unsere Geschichte tritt, wird gleich wieder im Nichts verschwinden, denn wir brauchen es nicht mehr, es hat seine Funktion längst erfüllt, es hat vor Jahr und Tag die Großmutter und damit die ganze Familie „hereingelegt“. Damit jemand hereingelegt werden kann, muß er eine schwache Stelle haben, und diese schwache Stelle war da, sie bestand in der jüngsten Schwester (oder Tochter) namens Johanna. Wenn die Tante Johanna zur Tür hereinkam, war es immer ein bißchen peinlich. Denn es ist nicht ganz richtig, wenn eine erwachsene Person mit dem Hut nicht weit liber die Türklinke hinaufragt. Sie schien das auch zu empfinden, denn sie lachte immer schon so komisch, ehe sie völlig erschienen war, es klang verlegen, und man ängstigte sich sogleich im Vorgefühl der Witze, die sie machen würde. Sie segelte auf einen los, man hatte ein Butterbrot in der Hand, mein Gott, was ist schon ein Butterbrot! Tante Johanna aber schrie munter: No, was is, schenkst mir dein Butterbrot? Nein? Wie? Was? Mir scheint, du bist nicht von Schenkendorf, was, was, wie? Und sie lachte, daß ihr das Wasser in die Augen schoß. Diese Augen füllten sich übrigens bei jeder Gelegenheit mit Wasser, sie hatten auch stets entzündete Ränder. Im Ruhezustand waren es Augen eines ängstlichen Kaninchens. Tante Johanna hatte überhaupt Ähnlichkeit mit einem Kaninchen: das Herumhopsen, das sinnlose Stillhalten, das Äugen, die ewige Angst. Sie lebte am Rande des Schwachsinns und wußte, daß sie schuld war –
Nein, schuld war eigentlich ihr Mann, mein armer Mann (er war tot), von dem sie acht Kinder hatte, zwei waren im Wickelband gestorben, die andern lebten, drei Söhne, drei Töchter. Sonderbarerweise war es auch peinlich, daß diese magere Winzigkeit achtmal Leben aus sich hervorgebracht hatte, sechsmal mit dauerndem Erfolg, denn es waren ganz kräftige Leute, ihre Kinder, die Söhne patschig zwar und naßhandig, aber groß gewachsen, die Töchter ungleich, aber von diesen wird noch ausführlich die Rede sein. Um kurz aufs Wesentliche zu kommen: alle sechs zusamt der Mutter hatten nicht zu leben, ihr frühverstorbener Vater war ein besonderer Typus gewesen, halb Lump, halb Phantast, die Familie war ihm mehrmals unter Geldopfern in arger Lage beigesprungen. Johanna hatte sich den August Schnabel nicht selber ausgesucht, er war ihr vom Vater zur Ehe gegeben worden, der Vater mußte es daher auch ausbaden. Als aber der Vater gestorben war und die Mutter natürlich fortfuhr, die ewig klaffenden Löcher des Schnabelschen Haushalts zuzustopfen so gut