Endspiel
Es ist immer das gleiche.
Da hat man sich wochenlang gegenseitig entweder gemocht oder schief angesehen, unter Spielern und Sportfunktionären.
Gemeinsames Training. Gemeinsame Mahlzeiten und Schlafzimmer.
Anfälle von Wut oder überdrehter Heiterkeit.
Spannungen und Reibereien, verursacht durch das ständige Gemeinschaftsleben von ungefähr dreißig Erwachsenen, bei denen ein bißchen (oder auch mehr) Eitelkeit und ein Ego in der Größe eines Möbelwagens ausgesprochene Berufstugenden sind. All das – plötzlich vergessen, weggefegt.
Auf einmal sind wir alle genauso höflich und schüchtern wie Klosterzöglinge. Fehlt nur noch, daß wir uns auf einmal siezen! Wir werden füreinander wieder Fremde. Nein. Noch mehr. Wir werden uns selber fremd.
Vor dem Nobelhotel in Mexico City, beim Einsteigen in den Bus, haben Hermann Neuberger, Egidius Braun und alle anderen Bosse oder Betreuer uns begrüßt, uns guten Wind oder Glück gewünscht. Und sie haben dabei, fast wie in Trauer, die Blicke auf unbestimmte gedankliche Ziele oder Punkte über die Schulter des Gegenübers hinweg gerichtet. Die wenigen Worte, die fielen, waren fast wie unanständige, störende Geräusche. Unsichtbar und unterschwellig: die Angst zu versagen. Kaum beschreibliche, tiefe Empfindungen. Ich bin Nationaltorwart, habe zwei Europameisterschaften mitgemacht und bin zum zweiten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei.
Ich will Weltmeister werden. Also kann Toni Schumacher nicht mehr einfach »locker vom Hocker« spielen. Ich stelle mich selbst in Frage. Wie jedesmal. Aber heute mehr als je zuvor. Ich zittere vor Aufregung. Alle schweigen. Mit Recht. Nur Schweigen ist Ausdruck von Größe. Alles andere ist Kleinmut.
Ich will Weltmeister werden.
Vier Jahre lang habe ich den faulen, inneren Schweinehund getreten und bekämpft. Ich habe eisern trainiert, mit äußerster Disziplin gelebt. Werden alle Mühen nun belohnt?
Franz Beckenbauer, Weltmeister von 1974, unser »Großer-Bruder«-Trainer, wirkt heute steif wie ein preußischer Oberst. Nur aus seinen Augen strahlt Energie, die er auf uns zu übertragen wollen scheint. Ich kann die allgegenwärtige Machtlosigkeit des genialen Liberos verstehen: Er ist heute dazu verdammt, Sieg oder Niederlage einzig mit dem Kopf zu bewältigen, ohne den Einsatz seiner flinken Beine.
»Schumacher lebt in seinem Körper wie in einem Gefängnis«, hat er einmal gesagt. Er auch. Vielleicht noch mehr als ich.
Matthäus sieht finster und entschlossen aus. Er kennt das Gewicht seiner Verantwortung, aber es erdrückt ihn nicht. Als »Wachhund vom Dienst« hat er Maradona auszuschalten. Unser Spiel gegen die Argentinier wird, genau betrachtet, ein auf zehn zu zehn Spieler beschränktes Match sein.