: Barbara Bellmann, Andrea Lutz, Bernd Daschek, Miriam Rademacher, Alina Becker, Antonia Wurm, Sigrid
: Weihnachtswunder Eine Anthologie
: Alea Libris Verlag
: 9783945814055
: 1
: CHF 2.70
:
: Anthologien
: German
: 50
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Man erzählt sich von Wundern, die immer zur Weihnachtszeit geschehen. Man weiß, es gibt sie. Man hat sie auch schon erlebt und ein klein wenig freut und hofft man immer wieder darauf, erneut eines zu erleben. Acht Autoren erzählen uns von verschiedenen Weihnachtswundern, die so passiert sein können oder nicht. Auf jeden Fall steigern sie die Vorfreude auf Weihnachten. ___ Der Erlös der Anthologie wird ausnahmslos an das 'Büro Aktiv Tübingen e.V.' gespendet, um die Flüchtlingshilfe voranzutreiben.

Aufgewachsen auf einem kleinen Barockschloss in den Tiefen des Emslandes, begann ich früh mit dem Schreiben über alte Gemäuer und ihre Bewohner. 1992 führte mich die Ausbildung zur Tanzlehrerin nach Osnabrück, wo ich noch heute lebe und arbeite. Da der Wunsch, ein eigenes Buch zu schreiben, mich nie richtig losließ, schrieb ich seit 2008 mehrere Romane in verschiedenen Genres.

Der Hase ohne Nase – Antonia Wurm


 

 

 

„Ist das ein Ohr?“, misstrauisch beäugte Nana das ehrgeizige Projekt ihrer Freundin Inga.

„Das wird der Kopf!“, empört stemmte Inga ihre mit dicken Fäustlingen bewehrten Hände in die Seite. Ihre Freundin warf abwehrend die Hände in die Höhe. „Achsoooo!“

 

Schon seit den frühen Morgenstunden bauten sie aus wunderbar pappigen Neuschnee eine ganze Armada aus Waldtieren im Garten auf. Die zehn und neun Jahre alten Freundinnen hatten bereits einen Fuchs, eine Feldmaus und einen kugeligen Dachs geformt. Mit entschlossenen Mienen bauten sich Inga und Nana vor dem neuesten Projekt der beiden auf, einem kleinen Schneehasen.

„Du kannst die Ohren machen, Nana“, schlug Inga vor.

Nana wiegte skeptisch den Kopf hin und her. „Na gut“, willigte sie schließlich ein und ließ sich in den Schnee plumpsen, wobei sie haarscharf den Fuchs verfehlte – sein erschrockenes Zucken hatte sie zum Glück nicht bemerkt.

 

In den folgenden Minuten herrschte konzentriertes Schweigen, als die beiden Mädchen versuchten, das Beste aus seinem Werk herauszuholen. Vorsichtig setzten sie die Körperteile des Schneehasen aufeinander. Das rechte Ohr geriet Nana ein wenig zu klein - und ein wenig zu schief, was ihrem Hasen einen Ausdruck permanenter Skepsis im lächelnden Gesicht verlieh. Die Augen glänzten munter, sie waren aus zwei alten Schokodrops, die Inga in ihrer Jackentasche gefunden hatte. Den lächelnden Mund hatte Inga fein säuberlich mit einem dünnen Zweig eingeritzt, nur die Stupsnase fehlte noch.

In diesem Moment öffnete Ingas Mutter mit einem Quietschen die Terrassentür. Sie wickelte sich in ihre dünne Stickjacke, als die Kälte von draußen ins Wohnzimmer drang, und rief den beiden Mädchen zu: „Nana! Inga! Wenn ihr nicht bald hereinkommt, werdet ihr so weiß und kalt wie eure Schneetiere! Los, zurück ins Haus, ihr bekommt einen heißen Tee verordnet!“

Inga wollte protestieren, doch Nana, die ihre Mutter gut kannte, schob ihre Freundin kurzerhand in Richtung Tür.

„Wir kommen nachher wieder!“, versprach Nana dem Schneehasen, der selig lächelnd ihren Abgang verfolgte.

 

Den ganzen Nachmittag wartete er auf ihre Rückkehr, nicht ahnend, dass Nanas Mutter den beiden verboten hatte, noch mehr Zeit draußen in der klirrenden Kälte zu verbringen. Als es schließlich Abend wurde und die langen Lichtstreifen von drinnen auf die kleine Gruppe Tiere im Garten fiel, wurde der Hase allmählich nervös. Wie lange sollte er hier draußen denn noch regungslos stehen bleiben, ganz ohne Nase? Etwas verärgert schüttelte er den Neuschnee ab, der sich wie eine zusätzliche Speckschicht um seinen schmalen Körper gelegt hatte. Er hielt das Warten einfach nicht mehr aus! Er erhob sich, die Pfoten vorsichtig aus dem umliegenden Schnee ziehend, und hoppelte aufgeregt in Richtung Terrassentür. Angestrengt schniefend erklomm er die meterhohen Stufen zur betonierten Terrasse und drückte neugierig sein nicht vorh