Kapitel 1
In der Luft lag eine feine Herbstnote, die sich, so erschien es San Lorenzo zumindest, mit dem hartnäckigen Spätsommer anzulegen versuchte. Noch war der Sommer eindeutiger Gewinner. Hoffentlich nicht mehr lange, überlegte er. Denn er mochte es nicht, wenn es allzu heiß war. Und das schon seit vielen Jahrhunderten nicht. Genauer, seit 258 nach Christus, also dem Jahr, in dem er als Märtyrer auf einem glühenden Eisenrost starb.
Lorenzo schüttelte sich. Wie immer, wenn er an diese Zeit zurückdachte. Seine Nachbarin, Santa Rosalia aus Tettirossi, hatte ihm schon oft dazu geraten, zur Überwindung dieses Traumas in Therapie zu gehen. Pah! Als ob es so leicht wäre, als Heiliger einen Therapieplatz zu finden. Nein, nein. Er würde das auch ohne professionelle Hilfe hinbekommen. Denn inzwischen hatte er es doch sehr gut. Er durfte in Villebianche, einem kleinen Ort im süditalienischen Nirgendwo, für seine Gemeinde da sein, eine kleine, hübsche Kirche bewohnen und ab und an sogar einmal die Regeln brechen, wie letztens erst, als er mit Rosalia für das Wohl eines kleinen Jungen eingetreten war. Aber das musste er erst richtig lernen, dieses Springen über den eigenen Schatten. Darin war er nicht so gut. Etwas lockerer musste er werden. Das nahm er sich einmal mehr ganz fest vor.
Der Heilige blickte auf. Don John betrat geschäftig die Kirche, begab sich eilig und seltsamerweise grußlos in die Sakristei, kam aber dann gleich wieder zurück, kniete sich erst vor den Altar, dann vor seine Statue.
»San Lorenzo, gib mir die Kraft, das bevorstehende Telefonat tapfer zu überstehen«, bat der Priester mit amerikanischem Akzent.
Als Don John vor nunmehr sieben Jahren nach Villebianche gekommen war, hatte der Heilige wahrlich seine Probleme gehabt, den Amerikaner zu verstehen. Nicht selten hatte er Wörterbücher konsultiert, um den Gebeten des jungen Priesters überhaupt einen Sinn geben zu können. Klar, Gott war Gott und Amen war Amen. Aber das ganze Beten dazwischen war Lorenzo nicht selten wie ein zäher Wörterbrei vorgekommen. Ganz im Gegensatz zu dem Großteil der Gemeinde, die sich über diese Sprachbarriere geärgert und beschwert hatte, hatte er sich bemüht, diese zu überwinden. Schließlich konnte er sich nur zu gut an die Zeit zurückerinnern, in der er selbst als junger Bursche aus Spanien nach Rom gekommen war, wo keiner ihn so richtig verstand.
Mittlerweile empfand Lorenzo das Verhältnis zu dem Priester als beinahe brüderlich vertraut. Don John war ein guter Junge. Na ja, eher Mann. Wobei Lorenzo irgendwie alle Gemeindemitglieder noch für Jungen hielt. Bei dem krassen Altersunterschied zu ihm vielleicht verständlich. Jedenfalls mochte er den Amerikaner sehr und fragte sich nun, um welches Telefonat es wohl ging. Der Priester aber bekreuzigte sich bereits und erhob sich mühelos, um in die Sakristei zu gehen.
Lorenzo sprang vom Sockel und schwebte ihm hinterher. Natürlich nur als seelische Unterstützung. Keineswegs wollte er lauschen. Er stellte sich auch nur brav in die Ecke und … wartete ab. Don John setzte sich an seinen schweren Schreibtisch, der ihm eine Nummer zu groß zu sein schien. Sein Handy legte er vor sich. Dann faltete er die Hände und tippte mit der rechten Fußspitze immerzu auf den Boden.Das machte sogar San Lorenzo nervös. Erst als die Glocken dreimal geläutet hatten, fing das Handy des Priesters an zu vibrieren.
»Pronto?«, meldete Don John sich mit einem eigentlich witzig gerollten R. Nur konnte Lorenzo gerade gar nicht darüber lachen. Viel zu ernst erschien ihm der Priester.
Der Heilige verließ seine Position im Eck, um sich dem Schreitisch zu nähern. Superkräfte hatte er nämlich nicht. Also, nicht im herkömmlichen Sinne. Ein extra fein funktionierendes Gehör hatte er zum Beispiel nicht. Um etwas vom Telefonat mitzubekommen, musste er schon ganz nahe ran. Es ging ihm auch nicht wirklich ums Lauschen, sondern darum, zu begreifen, wieso der Priester so nervös war.
»…Vescovo Ciro«, bekam er gerade noch mit. Was? Der Bischof in Person?
»Eccellenza, ich freue mich sehr, Sie zu hören«, erwiderte der junge Mann. Der leichte Schweißfilm, der sich auf seiner Stirn gebildet hatte, zeugte aber davon, dass er sich eben nicht freute, sondern richtig Angst hatte.
San Lorenzo vermutete, den Grund von Don Johns Furcht zu kennen. Wenn der Bischof anrief, dann hatte das meist unangenehme Gründe. Versetzungen zum Beispiel. Und zufällig wusste Lorenzo, dass John nicht weg wollte aus Villebianche. Oft genug hatte der Mann ihm das im Gebet gesagt.
»Lieber John. Auch ich freue mich sehr. Wie geht e