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Die Sonne schien erbarmungslos. Ihre Strahlen durchfluteten mein Schlafzimmer.
Mein Koffer lag aufgeklappt auf meinem Bett. Noch war er fast leer. Nur meine ausgefranste Lieblingsjeans und einige T-Shirts hatten bisher den Weg in den Trolli gefunden. Doch ich hatte noch Zeit. Erst in einer knappen Stunde würde mein letzter Arbeitstag beginnen. Das sollte ausreichen, um entspannt eine Tasse Milchkaffee zu trinken und den Koffer fertig zu packen. Wenige Handgriffe später stand ich mit einer Tasse Kaffee auf dem Balkon und hing meinen Gedanken nach.
Ich war glücklich. Endlich hatte ich mal freie Zeit und einer meiner größten Wünsche konnte in Erfüllung gehen. Ich würde in den Norden reisen, die Nordsee sehen, die salzige Meeresluft schmecken. Viele Jahre sehnte ich mich schon danach, doch bisher war für Urlaub nie Zeit. Schuld daran war unser Gasthof. Besser gesagt, der Gasthof meiner Eltern. Er ist seit Generationen im Familienbesitz, meine Eltern führen ihn auch heute noch und ich arbeite dort als Köchin. Wenn ich nicht gerade koche, dann bin ich Mädchen für alles. Pausenlos werde ich gebraucht. Sei es, wenn ein Zimmermädchen fehlt, oder die Rezeption nicht besetzt ist, der Service mit dem Auftragen nicht nachkommt oder, oder, oder …
Man sagt, ich sei eine exzellente Köchin. Natürlich würde ich mir selbst nicht anmaßen darüber zu urteilen, doch den Gästen schmeckt, was ich auf den Tisch zaubere zumeist überirdisch. Allerdings gefällt mir die zünftige Knödelküche nicht wirklich. Viel lieber versuche ich mich an Fischgerichten. Fangfrische Forelle, gebratener Seeteufel in Knoblauch geschwenkt, Sellerie-Süppchen mit Nordseekrabben und Trüffelöl. Ganz wonach mir gerade gelüstet. Meiner Experimentierfreude sind keine Grenzen gesetzt.
Ich kann mich noch gut an unsere Fischwoche im letzten Sommer erinnern. Eine ganze Woche gab es fast ausschließlich Fischgerichte. Nur die Leberknödelsuppe, Schäufele mit Kartoffelklößen und Apfelkräpfle befanden sich für die Fischverächter noch auf der Speisekarte. Doch für diese Gerichte war ich in der besagten Woche nicht zuständig. Ich durfte ausschließlich Fisch zubereiten. Göttlich!
Sogar meine Eltern waren im Nachhinein von der Fischwoche begeistert, obwohl sie dieser Idee anfangs mit Widerwillen begegneten.
Doch trotz des großen Erfolgs, wollten sie dennoch von einer erneuten Fischwoche nichts mehr wissen und so koche ich seitdem wieder durchweg regionale fränkische, besser gesagt, Würzburger Küche.
Da ich weiß, dass jegliches Aufbäumen gegen die Familientradition sinnlos ist, koche, backe und brate ich, wie mir aufgetragen. Vater ist froh darüber und spricht nun auch immer häufiger davon, dass ich eines Tages den Gasthof übernehmen werde. Eigentlich sollte das schon längst passiert sein, denn meine Eltern haben das Rentenalter schon Jahre überschritten. Aber bis jetzt konnten sie sich noch nicht von ihren Aufgaben trennen, was sicher zum größten Teil auch daran liegt, dass sie befürchten, ihr gut bürgerliches Restaurant würde in kürzester Zeit zu einem Fischrestaurant mutieren.
Heute arbeitete ich nur noch die Abendschicht und spätestens um 23.30 Uhr war Feierabend.
Mehrere Stapel Urlaubsprospekte, einige Bildbände und diverse Reiseführer füllten mein Bücherregal. Begierig hatte ich in der Vergangenheit Heft für Heft, Buch für Buch studiert, stets auf der Suche nach dem idealen Ur