1. KAPITEL
Wie meistens, wenn sie abends ausgehen wollte, war Jolanthe ein wenig zu spät dran und dennoch wild entschlossen, pünktlich zu sein. Nach einem letzten Blick in den Spiegel schlüpfte sie hastig in ihre Jacke, griff nach Tasche und Schlüsselbund, kurvte schwungvoll um einen der noch nicht ausgepackten Umzugskartons im Flur und trat aufatmend hinaus ins Treppenhaus. Immerhin hatte sie noch mindestens zehn Minuten Zeit für den Weg ins „Casanova“.
Erst als sie bereits die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, bemerkte Jolanthe die weinende Frau. Die hübsche, zierliche Blondine lehnte neben der gegenüberliegenden Wohnungstür an der Wand und schluchzte leise vor sich hin. Über ihre Wangen liefen Sturzbäche von Tränen, gegen die ihre Fingerspitzen und auch der Handrücken, der gelegentlich zum Einsatz kam, nicht viel ausrichten konnten.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, erkundigte Jolanthe sich unsicher.
Die blonde Frau schüttelte den Kopf und weinte noch heftiger.
„Wohnen Sie hier? Haben Sie vielleicht Ihren Schlüssel ver…“ Jolanthe stockte. Keine erwachsene Frau heulte sich die Augen aus dem Kopf, nur weil sie ihren Schlüssel verloren hatte.
„Es geht um einen Mann, nicht wahr?“ Mitfühlend betrachtete Jolanthe die traurige Frau.
Dieses Mal war ein Nicken die Antwort.
Natürlich! Mit einem tiefen Seufzer kramte Jolanthe ein Päckchen Papiertaschentücher aus den Tiefen ihrer Handtasche und reichte es der Frau.
„Die Männer sind es nicht wert, glauben Sie mir! Jedenfalls die meisten von ihnen nicht.“ Obwohl sie sich selber darüber wunderte, war Jolanthe mit ihren achtundzwanzig Jahren und trotz einiger übler Erfahrungen noch nicht bereit, die Hoffnung auf die große Liebe völlig aufzugeben. Vielleicht geschah ja eines Tages ein Wunder und plötzlich stand vor ihr – der Mann, der weder egozentrisch noch unsensibel und schon gar nicht lieblos war, sondern von allem genau das Gegenteil und noch ein bisschen mehr.
In diesem Moment öffnete sich die Wohnungstür neben der Blondine, und ein Mann betrat die Bildfläche. Sobald die Frau ihn sah, schluchzte sie noch einmal herzzerreißend auf und zog dann mit zitternden Fingern ein Taschentuch aus dem Päckchen, um sich vorsichtig die Augen abzutupfen.
Jolanthe schnappte nach Luft. Jetzt versuchte diese arme, irregeleitete Frau auch noch, dem Mann, der offenbar schuld an ihrem Elend war, den Anblick ihrer Tränen zu ersparen!
„Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben!“, fuhr sie den Kerl an, der es nicht einmal für nötig hielt, eine schuldbewusste Miene zu zeigen.
„Es ist gut, dass sie weint, das wirkt befreiend“, sagte er und lächelte Jolanthe freundlich an, während er der blonden Frau die Hand auf den Rücken legte und sie sachte in Richtung Treppe schob.
Jolanthe öffnete den Mund, bekam aber vor lauter Empörung keinen Ton heraus. Dieser Mann war ein Monster, und dabei sah er wirklich nett aus mit seinen dunkelblonden, ein wenig zerzausten Haaren und den brombeerfarbenen