: Jan Winter
: Erzähl mir von den weißen Blüten
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955309572
: 1
: CHF 4.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 457
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Maler Paul Handewitt verliert in Nepal auf tragische Weise seine große Liebe, die Italienerin Giulia. Ihren Tod kann er nur schwer verwinden, doch er beschließt, in Asien zu bleiben und nicht nach Deutschland zurückzukehren. Achtzehn Jahre später lernt der inzwischen international erfolgreiche Paul in Malaysia die junge Galeristin Julie kennen. Ihre Liebesbeziehung ist stürmisch, dennoch kann Paul die Vergangenheit nicht loslassen ... Eine wunderschöne Geschichte von der Liebe und von der Hoffnung, die uns am Leben hält.

1. Weiße Blüten


Leise chinesische Musik drang in den Garten, als Julie die Tür öffnete und auf die Veranda trat. Sie sog den süßlichen Duft von Jasmin und Frangipani ein, der aus dem Dunkel herüberwehte, und blickte zum Himmel. Eine Nacht voller Sterne dehnte sich über dem von alten Bäumen umstandenen Bungalow, den ein englischer Kolonialbeamter in den dreißiger Jahren am Fuß des Penang Hill hatte bauen lassen, um dort Zuflucht vor der Hitze und dem Schmutz der Stadt zu finden. Er hätte sich nicht träumen lassen, dass wenige Generationen später eine junge Chinesin sein Haus bewohnen würde.

Sie trug einen dunkelblauenQipao, ihr Lieblingsstück, von einem Spezialisten für traditionelle chinesische Gewänder in Georgetown maßgefertigt. Sein Schnitt betonte ihre schmale Taille, und sie liebte das leise Rascheln der Seide, wenn sie sich bewegte.

Julie ging zurück ins Haus und setzte sich vor den Schlafzimmerspiegel, um ihr pechschwarzes, bis zu den Hüften reichendes Haar zu bürsten. Als sie mit seinem Glanz zufrieden war, legte sie die Bürste beiseite und steckte die Haare zu einer komplizierten Frisur auf, in der sie zum Abschluss einen Kamm aus Elfenbein befestigte. Bevor sie sich schminkte, betrachtete sie ihr Spiegelbild und fragte sich wieder einmal, woher wohl die für ihre Familie untypisch ausgeprägten Wangenknochen stammen mochten. Die ausdrucksstarken Augen jedenfalls hatte sie eindeutig von ihrer Mutter, ebenso die feinen, halbmondförmigen Brauen.

Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran, dass sie sich beeilen musste. Routiniert trug sie Wimperntusche und einen dezenten Lidschatten auf. Nur mit der Wahl des Lippenstifts hatte sie wie üblich ein Problem. War das Rot zu stark, zu auffällig? Sie starrte in den Spiegel und zögerte. Mit ihren vollen Lippen und makellosen Zähnen konnte sie sich die kräftige Farbe leisten, andererseits scheute sie sich, die natürliche Sinnlichkeit ihres Mundes noch zu betonen und damit eventuell einen falschen Eindruck zu erwecken.

Nur wenige Menschen konnten sich Julie Lins Schönheit entziehen, was sie nicht selten als Fluch empfand, denn ihr selbstsicheres Auftreten täuschte darüber hinweg, dass sie im Umgang mit Männern schüchtern und uner