: Jan Winter
: Der Duft des Mangobaums
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783955309589
: 1
: CHF 4.50
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 518
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
1935 reist die junge Deutsche Alma neugierig und voller Hoffnung zu ihrem Mann nach Malaya. Howard leitet in der englischen Kolonie im fernen Asien eine Kautschukplantage. Die exotische Umgebung und die freundlichen Menschen ziehen Alma sofort in ihren Bann - doch enttäuscht muss sie erkennen, dass Howard nicht der liebevolle Ehemann ist, nach dem sie sich gesehnt hat. In dem australischen Einzelgänger Raymond, Besitzer einer großen Nachbarplantage, findet sie unerwartet einen Freund ...

Die Überfahrt


 

 

Zu jedem Abschied sollte Wehmut gehören, doch Alma spürte nichts dergleichen. Ungerührt glitt ihr Blick über die Docks und backsteinernen Lagerhäuser am Ufer des Mersey, während sich Liverpool hinter ihr in der einbrechenden Dämmerung auflöste. Sie empfand Dankbarkeit gegenüber England, weil es ihr in schwierigen Zeiten Arbeit und ein Dach über dem Kopf gewährt, sogar einen Ehemann und einen Sohn geschenkt hatte. Zu einer Heimat aber war es ihr nie geworden.

Fünf Jahre zuvor war sie schon einmal auf einem Schiff zu neuen Ufern aufgebrochen. Damals in Bremerhaven hatte ihr Vater auf der Landungsbrücke gestanden und gewunken, während Alma an der Reling gelehnt und nicht nur ihn, sondern auch ihre Jugend und manchen enttäuschten Traum zurückgelassen hatte. Heute war niemand gekommen, um ihr Lebewohl zu sagen.

Mit der Überfahrt begann ein neuer Abschnitt in Almas Leben. Obwohl sie keine klare Vorstellung davon besaß, was im fernen Osten auf sie zukommen würde, war sie zuversichtlich. Ihr Vater hatte sie von Kindesbeinen an ermutigt, positiv nach vorn zu schauen, und sein Optimismus hatte auf Alma abgefärbt.

Auf der Höhe von New Brighton verstärkte sich das Vibrieren der eisernen Planken unter ihren Füßen: DieAntenor nahm Fahrt auf, stampfte ungeduldig wie ein zu lange eingesperrtes Pferd durch die höher werdende Dünung in Richtung der Irischen See und weiter hinaus in den Ozean. Der eisige Wind hatte den größten Teil der Passagiere längst unter Deck getrieben. Besorgt beugte Alma sich zu Albert hinab, der dick eingemummt neben ihr stand. Während er sonst den ganzen Tag vor sich hin plapperte, hatte er seit dem Ablegen kaum ein Wort gesagt. Spürte er, wie sehr diese Fahrt sein Leben verändern würde?

„Ist dir kalt, mein Schatz?“, fragte sie und drückte ihm einen Kuss auf die gerötete Wange. „Sollen wir hineingehen?“

Albert schüttelte den Kopf und sah sie mit seinen wasserblauen Augen an, ihren eigenen so ähnlich, als schaute sie in einen Spiegel.

„Es schaukelt“, rief er. „Wir fahren über das Meer.“

„Das stimmt. Und weißt du noch, wer auf der anderen Seite des Meeres auf uns wartet?“

„Papa.“

„Richtig. Und er freut sich schon sehr darauf, dich wiederzusehen. Freust du dich auch?“

Albert nickte stumm, aber sein Blick folgte bereits wieder der vom Bug wegspritzenden Gischt weit unter ihnen. Was für eine