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Leo betrachtete das beeindruckende Herrenhaus, als er darauf zuging. Es kam ihm irgendwie seltsam vor, ohne Wachen oder wenigstens einen Freund im Schlepptau irgendwo aufzutauchen. Allerdings war ihm nach einigen Tagen in den Vereinigten Staaten klar geworden, dass er zwar im Großteil von Europa ein VIP, hier jedoch ein Niemand war.
Eigentlich empfand er das sogar als recht angenehm. Es war beruhigend, und niemand ging ihm auf die Nerven. Möglicherweise konnte er sich daran gewöhnen.
Er klingelte und bemerkte, dass die Fassade des Hauses zwar alt aussah, die Tür jedoch neu war, und er vermutete, dass das Innere ebenfalls modern aussehen würde. Leo war in einem fünfhundert Jahre alten Herrenhaus mit niedrigen Decken, einem undichten Dach und Hausgeistern aufgewachsen. Nach dem Tod seiner Eltern hatte er es verkauft und es nie bereut. Der Unterhalt eines solchen Gebäudes kostete ein Vermögen. Außerdem passte es nicht zu seinem Lebensstil. Er hatte eine Suite in einem Hotel in der Innenstadt gemietet, überlegte sich jedoch, sich für den Aufenthalt in New York eine Wohnung zu kaufen. Etwas Modernes. Diese Vorstellung gefiel ihm. Vielleicht ein Apartment über einem der hiesigen Pubs, auch wenn er bisher noch so gut wie keinen hatte entdecken können …
Die Tür wurde geöffnet, und das riss ihn aus seinen Gedankengängen. Eine lächelnde Rothaarige begrüßte ihn. »Du liebe Güte, was gibt man euch da drüben eigentlich zu essen?« Bei diesen Worten begutachtete sie ihn von Kopf bis Fuß. »Sie müssen Leo sein. Ich muss zugeben, dass Ihnen die Fotos im Internet nicht gerecht werden.«
Er reichte ihr lachend die Hand. »Leo delle Scogliere, Griffins Cousin. Soweit ich weiß, werde ich erwartet?«
»Ja! Kommen Sie rein.« Sie winkte ihn aufgeregt ins Haus und ignorierte seine ausgestreckte Hand. »Ich bin Gretchen, die Braut. Mein Verlobter Hunter ist auch bald mit der Arbeit fertig, und Ihre Stadtführerin muss hier auch irgendwo sein.« Sie schloss die Tür hinter ihm, nachdem er das Haus betreten hatte.
»Freut mich, Sie kennenzulernen«, meinte Leo. Die Frau schien ganz nett zu sein, wirkte allerdings ein wenig hektisch. »Soweit ich weiß, ist mein Cousin Griffin noch in Übersee?«
»Ja! Sie haben ihn und Maylee knapp verpasst. Als Sie Bellissime verlassen haben, sind sie gerade abgereist. Vermutlich hätten Sie sich von unterwegs winken können. Eigentlich erstaunt es mich, dass Sie nicht geblieben sind, um ihn dort zu begrüßen.«
Dann wusste sie nichts von den politischen Unruhen? Das war gut, denn es bedeutete, dass er verschwunden war, bevor sich die Nachricht hatte verbreiten können. »Ich hatte hier geschäftlich zu tun. Diplomatische Besuche und so.«
»Das klingt langweilig.«
»Das kann es in der Tat sein«, bestätigte er lachend.
»Haben Sie Maylee schon kennengelernt?«
»Leider nicht«, antwortete Leo und entschied sich, optimistisch zu bleiben. »Ich habe gehört, sie wäre recht … schlicht.«
»Sie ist ein Landei«, erklärte Gretchen und fügte hinzu: »Aber ein niedliches. Griffin und sie passen gut zueinander.«
Dieser Meinung war Leo jedoch nicht. Er hatte schon einiges über die seltsame Verlobte seines Cousins gehört, und die Vorstellung, dass sein reicher adliger Vetter eine derart ungebildete und durch und durch gewöhnliche Frau heiraten wollte, stieß ihn ab. Nahm man Griffins Verlobung und die kürzlich geschlossene Ehe seiner Cousine mit