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Der Mistral weckte sie. Er rüttelte an den Fensterläden und rauschte durch die Bäume am gegenüberliegenden Hang. Tori blinzelte durchs Schlafzimmerfenster ins Blaue. Der Wind hatte den Himmel blitzblank geschrubbt, aber es war eisig kalt geworden. Der Frühling machte Pause.
Sie zog sich ihren wärmsten Pullover an und tappte nach unten. Die Terrasse war noch nass vom Regen gestern Abend, der Nordwind hatte die seidenpapierfeinen Blütenblätter von den Pfingstrosen gerupft und den Topf mit dem Oleander umgeweht. Der musste warten, bis sie Kaffee getrunken und sich angezogen hatte.
Sie hockte sich auf einen Stuhl an den Küchentisch, die Hände um den Becher mit heißem Kaffee gelegt, und dachte über ihren Traum nach. Sie war auf den steilen Höhen über der Ardèche gewandert, hatte einen unterirdischen Fluss rauschen gehört und Stimmen vernommen. Im Traum hatte sie den opaken Schleier gesehen, der manchmal hochstieg, wenn ihre empfindliche Nase etwas roch, was keiner sonst roch. Ganz zu schweigen davon, dass niemand außer ihr je den feinen Schleier gesehen hatte. Sie sprach nicht darüber. Geruchshalluzinationen und Visionen passten nicht zu einer Juristin, von der man annehmen sollte, dass sie an nichts glaubte außer an Recht und Gesetz.
Irgendwann hatte sich der Schleier gelüftet und sie hatte das fahle Gesicht einer jungen Frau mit dunklen Augen und dunklem Haar gesehen. Davon war sie aufgewacht.
Das Bild, das sie im Zimmer des Holländers gefunden hatte, hatte sich in ihren Traum geschlichen. Überhaupt: Das Verschwinden des Mannes beschäftigte sie. Eva nahm das alles viel zu leicht, es konnte doch immerhin sein, dass ihrem Mieter etwas passiert war. Warum ließ sie nicht nach ihm suchen?
Lustlos biss sie in ein zähes Stück Brot von gestern, das sie mit einem Rest Chèvre belegt hatte, und spülte es mit Kaffee herunter. Den Kopf zurückgelegt, schloss sie die Augen und konzentrierte sich auf ihr inneres Bild der Karte, die sie im Apartment gefunden hatten, die Kopie, in die der Holländer Kreise und Striche hineingemalt hatte. Kurz vor dem Pont d’Arc, auf dem Weg zur Grotte Chauvet, hatte er etwas dick umrandet, was Eva als Grotte des Huguenots identifiziert hatte. Die Hugenottengrotte war einen Ausflug wert.
Ein Ausflug, den sie mit Carl hatte machen wollen – wie so vieles andere. Carls Vorfahren waren Hugenotten aus dem Vivarais gewesen, er war mit ihrer Geschichte aufgewachsen, mit Erzählungen von unendlichem Schrecken und übermenschlichem Heldenmut. »Wir haben durchgehalten bis zuletzt«, pflegte er das Familienmotto zu zitieren, mit einer Mischung aus Stolz und Ironie. Sie hatten viel auszuhalten gehabt, die Godons, Wollwirker aus den Cevennen, einer Landschaft geprägt von wilder Natur und Glaubenskriegen. Die Familiengeschichten handelten von Folter und Tod und Willkür der Obrigkeit. Deshalb waren sie hier gelandet: um gemeinsam auf die Suche nach Carls Ahnen zu gehen. Doch Carl hatte sie damit allein gelassen.
Sie zog ihre Wanderhose an und packte Wanderstiefel und Windjacke ein. Das Wetter war genau richtig, schwitzen würde sie mit Sicherheit nicht.
Die Fahrt von Belleville zur Hugenottengrotte ging über eine schmale Straße, die am Hang über dem