1. Kapitel
Es schneit, es schneit!«, rief Mina fröhlich. Sie drehte sich im Kreis und streckte die Zunge heraus, um eine Schneeflocke zu fangen und in ihrem Mund schmelzen zu lassen. Jana und Lydia, ihre beiden Freundinnen, taten es ihr nach. Die drei Mädchen tanzten vor der Buchhandlung in der Friedrichstraße, so dass ein junges Paar ihnen lachend ausweichen musste. Gerade noch hatten sie die Kinderbücher im Schaufenster bestaunt, und Mina hatte sich auf der Stelle in ein Märchenbuch mit rotem Einband verliebt. Sie mochte Märchen, auch wenn Jana und Lydia das ein bisschen kindisch fanden und lieber Gregs Tagebücher oder Harry Potter lasen. Aber gab es denn etwas Schöneres als Märchen, die man im Winter vor dem Kamin lesen konnte, dabei eine Tasse heiße Schokolade in Reichweite?
Am Morgen war die kleine Stadt in der Mitte von Sylt noch von Nebelschleiern, die vom Meer kamen, eingehüllt gewesen, und dicke graue Wolken hatten wie schwere Federbetten am Himmel gehangen, doch Mina hatte gehört, dass die Lehrerin Frau Heimlein zum Hausmeister der Schule gesagt hatte, es rieche nach Schnee. Mina hatte keine Ahnung, wie Schnee roch, aber sie liebte es, die Flocken fallen zu sehen. Sie war nach der Schule mit ihren Freundinnen Jana und Lydia durch die große Einkaufsstraße Westerlands gelaufen, und sie hatten sich dabei gegenseitig erzählt, was sie sich zu Weihnachten wünschten. Jana hatte von einem roten Pullover mit silbernen Sternen geschwärmt, Lydia wünschte sich eine Blockflöte.
Sie waren an der Buchhandlung stehengeblieben, und Mina hatte das Märchenbuch entdeckt. Und dann hatte es plötzlich angefangen zu schneien. Dicke Flocken waren vom Himmel geschwebt und hatten sich auf die Mützen der Mädchen gelegt. Es hatte gar nicht lange gedauert, da bedeckte eine dünne weiße Schicht die Straße, lag auf Autodächern und setzte den wenigen Bäumen und Büschen weiße Hauben auf.
Die ersten Schneeflocken waren für Mina in jedem Jahr etwas ganz Besonderes. Sie zeigten an, dass Weihnachten vor der Tür stand und dass es Zeit war, den Wunschzettel zu schreiben.
Mina verabschiedete sich von ihren Freundinnen und rannte nach Hause. Die Hausaufgaben erledigte sie im Eiltempo, und dann saß sie an ihrem Schreibtisch und dachte über ihre Weihnachtswünsche nach.
Sie drückte den Buntstift fest auf das Papier und versuchte sich genau an das Cover des wunderbaren Märchenbuchs zu erinnern. Rot war der Einband gewesen. Roter Samt. Die Buchstaben auf dem Einband waren aus Gold gewesen und hatten im Licht der Schaufensterlampen gefunkelt. Genau wie die Flocken, die du