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Wir holen »unseren Flüchtling« ab
Die Kinder wecken mein Gewissen. Wir fahren in die Erstaufnahme für Flüchtlinge, um einen Eindruck zu bekommen, uns umzuschauen, und merken sofort: Das hier ist kein Tierheim. Moaaz muss da sofort raus.
Und nun stand ich hier also im Matsch vor den Containern, die ich sonst nur von der A7 aus im Vorbeifahren gesehen hatte. Meine beiden jüngsten Söhne waren mitgekommen: der achtjährige Johann und der zwölfjährige Juri. Sie wollten sehen, wie die Flüchtlinge lebten, von denen alle Welt sprach, und vor allem natürlich dabei sein, wenn wir den jungen Mann kennenlernten, der ihr Ziehbruder auf Zeit werden könnte. Die beiden standen an der Schranke und sahen sich neugierig um. Es hatte seit Tagen geregnet, der Boden war vom Novemberregen aufgeweicht. Das dunkle Herbstwetter passte zur trostlosen Stimmung in der Flüchtlingsunterkunft. Dutzende junger Männer in Jogginghosen und mit Badelatschen standen überall herum, daddelten an ihren Handys, telefonierten, versuchten, Kontakt aufzunehmen zur Familie, zu Freunden, zu wem auch immer. Eine Handvoll Sicherheit. Die einzige Verbindung zur Heimat.
Wir waren in der Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung Schnackenburgallee gelandet, weil meine Freundin Marion hier als Kunsttherapeutin mit Kindern arbeitete. Über die Wochen und Monate hatte sie einige Kontakte geknüpft, Freundschaften geschlossen und mir nun auch den Namen des jungen Mannes genannt, den wir hier gleich treffen wollten. Ich pfriemelte einen Papierschnipsel aus der Hosentasche und nannte dem Pförtner den fremd klingenden Namen. Ohne Einladung kam keiner hinein in die Containerstadt. Der Pförtner tauschte meinen Ausweis gegen einen Besucherschein, und wir durften die fremde Welt betreten.
Wie waren wir überhaupt hierhergekommen? Die Berichte in den Nachrichten, die vielen Bilder der Flüchtlinge in überfüllten Booten, vor hohen Zäunen campierend … So viele Menschen, und keiner wusste, wohin mit ihnen. Und dann fragte Juri eines Tages: »Warum nehmen wir eigentlich niemanden auf? Alle reden immer von Mitleid und wie schrecklich all das für die armen Flüchtlinge ist, aber keiner will sie ins Haus lassen. Finde ich eigentlich echt komisch.«
Auch ich hatte schon zigmal darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, einen Flüchtling in unserer Familie aufzunehmen. Wie es wohl wäre, mit einem fremden Menschen aus einer ganz anderen Kultur mit einer anderen Geschichte unter einem Dach zu leben. Frauenbild, Glaube, Essen, Kleidung – alles so fremd. Was wusste ich schon vom Nahen Osten, von arabischer Lebensweise? Ich sprach mit Freundinnen über die Idee.
»Hast du gar keine Bedenken, mit einem Muslim unter einem Dach zu leben? Wer weiß, ob du ihn jemals wieder loswirst? Was ist, wenn er unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet? Man hat doch schon so oft davon gehört, dass das zu unkontrollierten Wutausbrüchen und wer weiß was führen kann … Und was ist dann? Oder wenn irgendwelche anderen Probleme auftauchen? Hast du als Alleinerziehende mit deinen Söhnen nicht schon genug um die Ohren?«, fragten sie. Aber all die Skrupel und Vorbehalte gefielen mir nicht. Nicht in meinem Umfeld und noch weniger bei mir selbst. Jahrelang hatte ich mit meinen vier Jungs allein zusammengelebt und jede Menge Dinge erlebt, die mir als Frau ebenfalls mehr als fremd waren. Trotzphase, Fäkalsprache, Du-bist-so-peinlich-Phase, Pubertät – eine