1.
Kurz bevor sie den Eingang erreichten, ging ihr die Luft aus.
Georg eilte hinter ihr her und versuchte, den Griff ihres Koffers, den sie emanzipiert umklammerte, in die Finger zu kriegen. Der Bruch der rechten Elle war zwar verheilt, doch noch war sie meilenweit davon entfernt, den Arm wieder normal belasten zu können. Also hatte sie ihren geliebten Weekender in seiner verwitterten Lederoptik auf den abgewetzten Schranktrolley gestapelt, wobei sie Georg versehentlich die Finger eingeklemmt hatte, und zerrte die bleischwere Fracht nun mit beiden Händen über den Kies. Eine Jungfernfahrt, die des Prachtstücks äußerst unwürdig war – wähnte sie sich doch beim Kauf noch mit ihm in einem nostalgischen Zug durch Zentralafrika. Und jetzt das!
Ihr linker, gesunder Arm schmerzte augenblicklich noch mehr als der rechte. Kein Wunder! Sie hatte fast ihren gesamten Schrank eingepackt. Es war tatsächlich mehr ein Umzug als eineReise, wie Georg es nannte.
»Wie lange wirst du denn weg sein?«, hatte er sie in Anbetracht der leeren und lose hin und her baumelnden Kleiderbügel im Einbauschrank beunruhigt gefragt.
»Nur sechs Wochen«, hatte sie knapp entgegnet und seinen Blick gemieden.
Die ganze Sache passte ihm nicht. Zwar war er unter der Woche ohnehin den ganzen Tag weg, aber abends brauchte er sie neben sich. Manchmal auch auf sich. Letzteres allerdings nur noch selten.
Noch immer war es ihr selbst hochnotpeinlich, wohin sie so kurz nach ihrem fünfundzwanzigsten Hochzeitstag ging. Doch von Georg hätte sie sich ein wenig mehr offizielle Unterstützung – und Bestürzung – darüber gewünscht.
»Den ganzen Sommer über bist du weg?!«, hatte er mit langgezogener Miene weiter protestiert. »Aber Yukuri Rotomori gibt sein Abschiedskonzert, und wir haben Karten!«
Wie immer war klar, dass er, der Dirigent, das berufliche Ende eines wildfremden Musikers über ihren Zustand stellte. Fast hatte sie sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt. Doch diesmal ging es nicht darum, dass sie einen Friseurtermin absagen musste, um experimentelle Orchesterkunst in Amsterdam zu bewundern. Diesmal ging es um mehr, um viel mehr. Um ihre Gesundheit, womöglich ihr Leben – nur dieses eine Mal ging es umsie! In einem Crescendo hatte er seinen stärksten Trumpf ausgespielt und schamlos ihre Achillesferse torpediert: »Die Kinder wollen doch auch noch was von dir haben! Es ist ihr letzter Sommer mit uns, danach sind sie flügge! Kuren kannst du noch ewig.«
Ihr schlechtes Muttergewissen hatte zuverlässig hyperventiliert und sie sich gefragt, ob er das WortKur absichtlich benutzte, denn sie selbst hatte ganz klar den BegriffBurn-out verwendet, als sie ihre Angetrauten bei der Rückkehr aus dem Krankenhaus vor drei Wochen über ihr Rehabilitationsvorhaben informiert hatte. Zur Untermalung der dramatischen Lage hatte si