Kapitel 1
DOLLY
Das ist das Faszinierende am Leben, Miss Lane. Seine ganze wundervolle Unvorhersehbarkeit.
Es ist ganz einfach: Man kann unpünktlich oder unordentlich sein, aber wenn man im Leben vorankommen möchte, darf man ganz bestimmt nicht beides sein.
Diese Worte werde ich ebenso wenig vergessen wie die gehässige Haushälterin, die sie mir entgegenschleuderte, als ich mich nach meinem freien Nachmittag zu spät und völlig zerzaust auf das Gut zurückschlich. Ich war mit Teddy durch den Sommerregen spaziert und hatte völlig die Zeit vergessen. Die unfreundliche Belehrung fand ich jedoch gemein und unzutreffend, zumal der alte Drachen noch eins draufsetzte.
Du, Dorothy Lane, bist ein Paradebeispiel für jemanden, der es im Leben nie zu etwas bringen wird. Aus dir wird niemals etwas Vernünftiges werden.
Es war das erste Mal, dass ich mir anhören musste, ich sei nicht gut genug, aber es sollte nicht das letzte Mal bleiben.
Damals hatte ich gerade meine erste Anstellung angetreten. Als Mädchen für alles.Wohl eher als Mädchen mit zwei linken Händen, schimpfte die Haushälterin. Ihr Name war Peggy Griffin. »Piggy«, wie ich sie insgeheim wegen ihrer Schweinsnase und ihren dicken Stummelfingern nannte, mochte mich nicht, und ich mochte sie nicht. Genauso wenig wie die Hausarbeit. Vermutlich war es nicht hilfreich, dass ich in Gedanken meist ganz woanders war als bei den Aufgaben, die die Haushälterin mir anschaffte.
Dolly die Traumtänzerin war der Spitzname, den mir die Dienstmädchen auf Gut Mawdesley gaben. Und wirklich träumte ich mich immer in eine andere Welt. Sobald von irgendwoher Musik aus dem Grammofon an mein Ohr drang, begannen meine Beine zu zucken – egal ob ich gerade Wäsche mangelte, putzte oder polierte. Immer machte ich dabei Tanzschritte, und in meinem Kopf hatte nichts Platz als die Stars der Londoner West-End-Bühnen wie etwa die Ziegfeld Follies.
Alles war eine willkommene Ablenkung von der eintönigen Arbeitsroutine, vom Krieg, von meiner Angst um Teddy. Ich habe vielleicht vieles verloren in den Jahren, seit ich zum ersten Mal diese naive Sehnsucht verspürte, doch ich hielt mit jener sturen Entschlossenheit, die man den Mädchen aus Lancashire nachsagt, an meinen Träumen fest. Das Verlangen nach mehr hat mich nie verlassen – ich spüre es ständig wie einen Flügelschlag in meinem Herzen.
So auch jetzt, während ich im Eingang eines Uhrmachergeschäfts auf der Strand, einer Londoner Straße, die früher an der Themse entlangführte, vor dem Regen Schutz suche. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf die Theaterreklame an den vorbeifahrenden Omnibussen: Tallulah Bankhead, Gertrude Lawrence, Loretta May. Berühmte Künstlerinnen, deren Fotos und Premierenkritiken ich regelmäßig aus den Zeitungen ausschneide und in mein Sammelbuch klebe. Frauen, die ich vom obersten Rang des Zuschauerraums aus glühend bewundere. Denen ich zujubele, dabei mit den Füßen trampele, laut Beifall klatsche und mir wünsche, mit ihnen zusammen auf der Bühne zu stehen in einem Kleid aus silbernem Chiffon.
Man nennt uns die G