Das Klassentreffen in Estoril
Eine zierliche Dame fortgeschrittenen Alters geht durch die Eingangshalle des Kongresscenters in Estoril, Portugal. In ihre langen Haare hat sie eine Sonnenbrille geschoben. Sie trägt einen Minirock, dazu einen pinkfarbenen Blazer. An ihren Armen klirren unzählige silberne Reifen. Die Finger sind mit Ringen bestückt, eine große Strassbrosche schimmert am Revers, und auch in den Ohren trägt sie Funkelndes. Irene Pepperberg glitzert wie ein Weihnachtsbaum, mitten im Sommer. Fast meint man, den Graupapagei Alex auf ihrer Schulter sitzen zu sehen. Dabei ist der seit 2007 nicht mehr am Leben. Mit Alex ist die Vogelexpertin aus Harvard weltberühmt geworden, und das zu Recht. Bis zum heutigen Tag ist der Papagei so etwas wie der Wappenvogel der Verhaltensforscher.
Irene Maxine Pepperberg kommt zwei Tage zu spät zum Kongress, aber ihr Alex ist schon da. Er ist Thema in unzähligen Vorträgen. Immer wenn es um Genie-Leistungen von Tieren geht, fällt sein Name zuerst. Selbst Verhaltensforscher, die sich sonst zurückhalten, wenn von tierischer Intelligenz die Rede ist, weil sie der Ansicht sind, das Wort »Intelligenz« müsse den Menschen vorbehalten sein, machen bei Alex eine Ausnahme. »Bis auf diesen verdammten Vogel« ist ein – buchstäblich – geflügeltes Wort. Was so viel heißt wie: Könnte man allen Tieren ihre Denkleistungen absprechen, bei diesem Graupapagei müsste man doch kapitulieren, denn zu bedeutend war alles, was der Kerl draufhatte. Im Kapitel über Papageien wird mehr über ihn zu lesen sein und über seine beiden Nachfolger.
Durchblättert man das dicke Buch des Tagungsprogramms, fällt auf, dass die derzeit kniffligsten Fragen der Verhaltensforschung vor allem an Vögeln durchdekliniert werden. Im April 2016 haben zwei Wissenschaftler – der Biopsychologe Onur Güntürkün aus Bochum und der Biologe Thomas Bugnyar aus Wien – in einer umfangreichen Arbeit zusammengefasst, warum die kognitiven Leistungen von Rabenvögeln und Papageien in vielerlei Hinsicht mit denen von Menschenaffen vergleichbar sind. Das und die Tatsache, dass ihre Haltung sehr viel einfacher ist als die von Primaten, macht die Forschung mit ihnen so vielversprechend. Etwa zur legendärenTheory of Mind.
Theory of Mind – die Welt aus den Augen eines anderen sehen
Kaum ein Begriff ist in der Verhaltensforschung so umstritten wieTheory of Mind. Das lässt sich nur etwas lahm übersetzen mit »Theorie des Geistes« oder »Theorie des Bewusstseins«. Damit ist gemeint, dass ein Lebewesen eine Vorstellung hat vom Bewusstsein anderer. Dass es weiß, wie die Welt aus den Augen eines anderen aussieht. ZurTheory of Mind gehört auch, bei anderen ein bestimmtes Wissen zu vermuten, das dann in die eigenen Handlungen miteinbezogen wird.
Selbstredend hat man solche Fähigkeiten früher nur dem Menschen zugeschrieben. Doch beim Verstecken von Futter, wie es Raben und andere Rabenvögel tun, sind sie entscheidend. Die Vögel stehen regelmäßig vor dem Problem, dass ihre Nahrungsdepots von Artgenossen leer geräumt werden. Daher müssen ihre Verstecke gut sein. Aber das allein reicht eben nicht. Da Raben – als nichtbrütende Jungtiere – in