: Kim Stanley Robinson
: New York 2140 Roman
: Heyne Verlag
: 9783641216580
: 1
: CHF 5.40
:
: Science Fiction
: German
: 816
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
New York, einhundert Jahre später. Der Meeresspiegel ist angestiegen, und die Straßen des Big Apple haben sich in Kanäle verwandelt und aus den einstigen Wolkenkratzern sind hoch aufragende Inseln geworden. Aber noch hat New York sich nicht aufgegeben. In einem Haus treffen so unterschiedliche wie ergreifende Schicksale aufeinander – Schicksale, die von der Zukunft nach dem Ökokollaps erzählen. Da ist zum Beispiel ein nimmermüder Detektiv, und da ist das Internet-Sternchen. Auf dem Dach leben die Coder. Ihr Verschwinden setzt schließlich eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Leben aller New Yorker für immer beeinflussen werden.

Kim Stanley Robinson wurde 1952 in Illinois geboren, studierte Literatur an der University of California in San Diego und promovierte über die Romane von Philip K. Dick. Mitte der Siebzigerjahre veröffentlichte er seine ersten Science-Fiction-Kurzgeschicht n, 1984 seinen ersten Roman. 1992 erschien mit »Roter Mars« der Auftakt der Mars-Trilogie, die ihn weltberühmt machte und für die er mit dem Hugo, dem Nebula und dem Locus Award ausgezeichnet wurde. In seinem Roman »2312« erkundet er die verschiedenen Gesellschaftsformen, die die Menschheit nach ihrem Aufbruch ins Sonnensystem erschafft. Zuletzt sind bei Heyne seine Romane »New York 2140«, der in einem vom Klimawandel gezeichneten New York der nahen Zukunft spielt, und sein Bestseller »Das Ministerium für die Zukunft« erschienen. Kim Stanley Robinson lebt mit seiner Familie in Davis, Kalifornien.

a) MUTT UND JEFF

»Wer den Code schreibt, schafft den Wert.«

»Das ist nicht mal ansatzweise wahr.«

»Doch, das ist es. Der Wert wohnt dem Leben inne, und das Leben ist Code, wie bei derDNA

»Also haben Bakterien Werte?«

»Klar. Alles Leben will etwas und jagt ihm nach. Viren, Bakterien, bis hin zu uns.«

»Wo wir gerade davon reden, du bist wieder mal mit Kloputzen dran.«

»Ich weiß. Leben bedeutet Tod.«

»Also heute?«

»Irgendwann auch heute. Aber zurück zu dem, worauf ich hinauswill. Wir schreiben Code. Und ohne unseren Code gibt es keine Computer, keine Finanzen, keine Banken, kein Geld, keinen Tauschwert, keinen Wert.«

»Bei allen Punkten – bis auf den letzten – verstehe ich, was du meinst. Und weiter?«

»Hast du heute die Nachrichten gelesen?«

»Natürlich nicht.«

»Solltest du aber. Es gibt schlimme Neuigkeiten. Wir werden aufgefressen.«

»Das kann man immer sagen. Wie du schon sagtest, Leben bedeutet Tod.«

»Aber es ist schlimmer denn je. Es geht zu weit. Inzwischen nagen sie an unseren Knochen.«

»Das weiß ich auch. Deshalb leben wir ja in einem Zelt auf einem Dach.«

»Genau. Und jetzt machen sich die Leute sogar wegen des Essens Gedanken.«

»Das sollten sie auch. Das ist der eigentliche Wert – Essen im Bauch. Weil man Geld nämlich nicht essen kann.«

»Das sage ich doch!«

»Ich dachte, du hättest gesagt, der Code wäre der wahre Wert. Ist wohl auch kein Wunder, dass das gerade ein Programmierer sagt.«

»Mutt, pass auf. Hör mir mal genau zu. Wir leben in einer Welt, in der die Menschen so tun, als könnte man sich für Geld alles kaufen. Also dreht sich alles ums Geld, also arbeiten wir alle für Geld. Geld wird als Wert betrachtet.«

»Okay, verstehe. Wir sind pleite, das hab ich kapiert.«

»Gut, dann hör weiter zu. Wir leben, indem wir uns für Geld Sachen kaufen, auf einem Markt, der die Preise festlegt.«

»Die unsichtbare Hand.«

»Genau. Verkäufer bieten etwas an, Käufer kaufen es, und durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage wird der Preis festgelegt. Das ist Crowdsourcing, das ist demokratisch, das ist Kapitalismus, das ist der Markt.«

»Ja, so läuft das eben.«

»Genau. Und es ist immer und seit jeher falsch.«

»Was meinst du mit falsch?«

»Die Preise sind immer zu niedrig, und deshalb geht die Welt vor die Hunde. Wir erleben gerade ein Massenaussterben, der Meeresspiegel steigt, das Klima verändert sich, das Essen wird knapp – all das Zeug, das nicht in den Nachrichten kommt.«