: Matteo Righetto
: Das Fell des Bären Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641218409
: 1
: CHF 5.40
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: Erzählende Literatur
: German
: 176
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein großes Abenteuer in den Dolomiten und eine berührende Vater-Sohn-Geschichte

Seit dem Tod seiner Mutter vor zwei Jahren hat der zwölfjährige Domenico ein hartes Leben: Sein Vater, ein Tischler, ist schweigsam und ungesellig wie ein Luchs geworden und interessiert sich nicht einmal für die glänzenden schulischen Leistungen seines Sohnes. Dieser findet Trost nur in der Natur, an den Bächen und Wasserfällen der Dolomiten.

An einem Herbstmorgen im Jahr 1963 eröffnet Pietro, der Vater, seinem Sohn, dass er heute nicht zur Schule gehen soll: Sie werden für einige Tage in die Berge gehen - mit Proviant und zwei alten Gewehren. Im Laufe des mühevollen Aufstiegs erfährt der Junge, dass Pietro eine Wette eingegangen ist: Ausgerechnet er, der Außenseiter im Dorf, hat versprochen, den Bären zu erlegen, der in dieser Gegend seit einigen Wochen Bienenstöcke zermalmt, Hirsche und Rehe reißt. Auf ein solches Abenteuer hat Domenico schon lange gewartet. Dass es ihn an seine Grenzen führt, wird rasch deutlich. Zugleich spürt er im Laufe der abenteuerlichen Jagd eine wundersame Wandlung seines Vaters: Unter dessen rauer Schale bricht ein zugänglicherer, viel emotionaler Mensch hervor, als Domenico je für möglich gehalten hätte.

Matteo Righetto wurde 1972 geboren und lebt in Padua. Er ist Dozent für Literatur. Sein Roman"Das Fell des Bären" (Originaltitel:"La pelle dell'orso") war ein internationaler Bestseller und wurde von Marco Segato verfilmt. Auch sein neuer Roman wurde in zahlreiche Länder verkauft.

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Vorsichtig strich Domenico sich mit der Handfläche über die rechte Wange. Er passte auf, dass er keinen Druck auf den Bluterguss ausübte, um den herum noch die Abdrücke kräftiger Finger zu sehen waren. Der Schmerz von gestern war heute nur noch ein lästiges Jucken. Das Schlimmste war also überstanden. Aber Gelegenheiten, sich weitere Ohrfeigen einzufangen, gab es genug. Damit musste er rechnen, ebenso wie mit der sehr viel ernsteren Gefahr, auf diesen entsetzlichen Bären zu stoßen, der jetzt in aller Munde und in ihrer Gegend schon so etwas wie ein Mythos geworden war. Doch vor dem hatte er keine Angst. Obwohl ihn alle davor warnten, sich allein zum Fluss aufzumachen, ließ Domenico sich dieses Vergnügen nicht nehmen.

Er hockte auf einem Felsblock aus hellem Gestein und ließ die Beine über das Wasser baumeln. In einer Hand hielt er einen Kanten Schwarzbrot, den er hin und wieder zum Mund führte, um davon abzubeißen, in der anderen seine Angel. Allerdings nicht so eine, wie man sie im Geschäft unten im Tal kaufen konnte, nein, es handelte sich um eine Birkenrute, an deren oberem Ende, gewissenhaft verknotet, eine Schnur befestigt war, mit einem alten, halb verrosteten Angelhaken daran. Einfach, aber äußerst wirkungsvoll. Immerhin hatte er es mit dieser behelfsmäßigen Konstruktion noch jedes Mal geschafft, einen Haufen Forellen aus dem Wasser zu ziehen.

Einige Meter unterhalb des mächtigen Felsblocks aus Dolomit, auf dem er saß, hatte sich der Fluss eine Ausbuchtung mit dunkelblauem Wasser gegraben, sehr tief und mindestens so groß wie eine Kuh auf der Weide. Ein idealer Lebensraum für die Forellen.

Eigentlich angelte Domenico nie zweimal an derselben Stelle, aber vor einiger Zeit hatte er herausgefunden, dass es hier von Fischen nur so wimmelte, sodass er sein Vergnügen bequemer haben konnte. Allerdings war es mit der Bequemlichkeit so eine Sache, wenn man mit dem Hintern auf einem scharfkantigen Felsen saß.

Auch heute versuchte der Junge sein Glück wieder an dieser Stelle. Und während er so dasaß und angelte, wiegte er sich in den immer gleichen Tagträumen: Er stellte sich vor, Großes zu schaffen, ein außergewöhnliches Leben zu führen, träumte davon, tausenderlei Abenteuer zu bestehen und Heldentaten zu vollbringen, die mit seinem täglichen Trott rein gar nichts zu tun hatten. Wie gern wäre er etwa dieser Tom Sawyer gewesen, von dem ihnen die Italienischlehrerin in der Schule schon häufiger erzählt hatte. Doch sobald er wieder auf dem Planeten Erde gelandet war, musste er sich eingestehen, dass die Aussichten auf ein richtiges Abenteuer in seinem Leben verschwindend gering waren.

Verdrossen biss er noch einmal von seinem Brotkanten ab. Eigentlich knabberte er nur, um länger davon zu haben. Dann warf er die Angelschnur mit der aufgespießten Kugel aus gelber Polenta am Haken aus und schaute sich um, als sehe er das alles, was er vor Augen hatte, zum ersten Mal.

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Er liebte den Herbst, der die Wälder in leuchtende Gemälde verwandelte. Obwohl er einem Winter vorausging, der hoch in den Bergen kein Ende zu nehmen schien, war und blieb er seine liebste Jahreszeit.

Manche Herbsttage kamen Domenico geradezu überwältigend schön vor, und schon früher hatte er häufiger überlegt, dass dieses Himmelsblau und diese in alle möglichen Rot-, Braun- und Gelbtöne gekleideten Wälder nur Zauberei sein konnten, das Werk dermazaròl undsalvanèl, jener Kobolde und Geister, die in den Bergen wohnten.

Einmal hatte er davon reden hören, dass es in den Städten im Tal ganz anders sei, dass es dort keinen Unterschied zwischen He