Ich nehme in der Pariser Métro Platz und reibe mir den Schlaf aus den Augen. Ich treibe ohne Anker dahin. Mein Kalender zeigt späten Winter, aber draußen vorm Fenster ist ein warmer, sonniger Tag, an den Ästen glitzern die Knospen, die Stadt strahlt. Gestern traf ich aus New York ein und saß bis nach Mitternacht mit Freunden zusammen, heute herrscht in meinem Kopf noch nächtliches Dunkel, so als sei er an der Jahreszeit und der Zeitzone angeleimt, die mehrere Stunden hinter mir liegen. Ich werfe einen Blick auf die Uhr: 9.44. Wie üblich bin ich zu spät dran.
Die Uhr ist ein Geschenk meines Schwiegervaters Jerry, der sie jahrelang selbst getragen hat. Zur Verlobung mit Susan boten ihre Eltern mir eine schöne neue Uhr an. Ich lehnte dankend ab, plagte mich dann aber lange mit dem Gedanken, dass ich damit einen ziemlich lausigen Eindruck hinterlassen haben muss. Welche Art von Schwiegersohn ignoriert schon die Zeit? Als Jerry mir schließlich wenigstens seine alte Armbanduhr schenken wollte, nahm ich augenblicklich an. Sie hat goldene Zeiger und Striche statt Ziffern, ein schwarzes Blatt, auf dem der Markenname (Concord) und in fetten Buchstabenquartz stehen, und ein breites silbernes Armband. Ich mochte das Gewicht an meinem Handgelenk, es gab mir das Gefühl, wichtig zu sein. Ich dankte Jerry und bemerkte zutreffender, als es mir in diesem Moment klar war, dass sie ein wichtiges Utensil für meine Recherchen über die Zeit sein werde.
Meine Sinne machten mich immer glauben, dass die Zeit all der Zeitmesser und Uhren und Zugfahrpläne »da draußen« eine messbar andere sei als die Zeit, die durch meine Zellen, meinen Körper, meinen Kopf fließt. Doch die Wahrheit ist, dass ich über Erstere genauso wenig wusste wie über Letztere. Weder konnte ich sagen, wie diese oder jene Uhr funktioniert, noch, wie es ihr gelingt, fast immer genau mit all den anderen Uhren übereinzustimmen, auf die zufällig mein Blick fiel. Wenn es denn einen Unterschied zwischen äußerer und innerer Zeit gibt – einen so realen wie der zwischen Physik und Biologie –, dann hatte zumindest ich keine Ahnung, worin er besteht.
Meine neue alte Uhr war also eine Art Experiment. Welch bessere Möglichkeit hätte es auch geben können, meine Beziehung zur Zeit auszuloten, als sie nun eine Weile lang doch physisch an mir festzuzurren? Resultate ergaben sich fast sofort. In den ersten paar Stunden, die ich sie trug, konnte ich an nichts anderes denken. Das Handgelenk war schweißnass, sie zog am ganzen Arm. Die Zeit zerrte buchstäblich und im übertragenen Sinne an mir, weil meine Gedanken ständig um dieses Zerren kreisten. Aber es dauerte nicht lange, und ich vergaß die Uhr. Erst am nächsten Abend fiel sie mir plötzlich wieder auf. Ich badete gerade einen unserer Zwillingssöhne, als ich sie an meinem Handgelenk sah. Unter Wasser.
Insgeheim hoffte ich, dass diese Uhr ein gewisses Maß an Pünktlichkeit auf mich übertragen würde. So wie gerade eben, als ich glaubte, ich bräuchte nur oft genug auf sie zu blicken, um noch pünktlich zu meiner Zehn-Uhr-Verabredung im Bureau International des Poids et Mesures (BIPM) im Pariser Vorort Sèvres einzutreffen, wo Wissenschaftler sich der Perfektionierung, Kalibrierung und Standardisierung aller Maße und Gewichte zu einem internationalen Einheitssystem verschrieben haben. Seit der Globalisierung unserer Volkswirtschaften wird es immer unumgänglicher, dass wir allesamt auf genau derselben messtechnischen Wellenlänge sind, dass ein Kilo in Stockholm exakt einem Kilo in Jakarta entspricht, ein Meter in Bamako exakt einem Meter in Schanghai, eine Sekunde in New York exakt einer Sekunde in Paris. Das Büro ist dieUNO der Maßeinheiten, der Standardisierer weltweiter Standards.
Gegründet wurde es 1875 durch die Internationale Meterkonvention, einen Vertrag, »vom Wunsch geleitet, die internationale Einigung und die Vervollkommnung des metrischen Systems zu sichern«. (Der erste Akt des Büros bestand in der Aushändigung von dreißig »Linealen«: exakt vermessene Platin-Iridium-Stäbe für das sogenannte Meternormal oder Urmeter, durch die der weltweite Streit um die korrekte Länge eines Meters beigelegt wurde.) Siebzehn Nationen waren