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Du hattest mir ein Mittagessen versprochen, deshalb gingen wir zurück in dein Wohnheim. Du sagtest, dass du nach dem Essen noch einmal mit deiner Kamera aufs Dach gehen würdest, um Fotos zu machen.
»Für denSpectator?«
»Die Unizeitschrift?«, fragtest du. »Nee. Für mich.«
In der Küche fiel mein Blick auf einige deiner Fotos, die dort herumlagen – Schwarzweißbilder, auf dem Campus aufgenommen. Die Fotos waren wunderschön, ungewöhnlich, in Licht getaucht. Die Motive waren so herangezoomt, dass alltägliche Gegenstände wie moderne Kunst aussahen.
»Was ist das?«, fragte ich. Nachdem ich das Foto eine Zeit lang betrachtet hatte, erkannte ich, dass es die Nahaufnahme eines Vogelnests war, ausgekleidet mit Zeitungen und einem Aufsatz über französische Literatur.
»Ach, das war unglaublich«, sagtest du. »Jessica Cho, kennst du sie? Sie singta cappella und ist die Freundin von David Blum. Jessica hat dieses Nest, in das eine Hausarbeit eingeflochten war, von ihrem Fenster aus gesehen und mir davon erzählt. Also bin ich hin und habe mir das angesehen. Ich musste mich ganz weit aus dem Fenster lehnen, um es zu fotografieren. David hat mich an den Knöcheln festgehalten, weil Jessica Angst hatte, ich könnte hinunterfallen. Aber ich hab’s geschafft.«
Nachdem ich diese Geschichte gehört hatte, sah ich dich mit anderen Augen. Du warst mutig, unerschrocken, du wolltest Kunst machen. Wenn ich zurückblicke, glaube ich, dass ich genau diesen Eindruck von dir bekommen sollte. Du wolltest mich beeindrucken, aber damals merkte ich das nicht. Ich dachte nur: Wow! Ich dachte: Er ist wunderbar.
Die Wahrheit ist, damals wie heute, dass du überall Schönheit siehst. Dir fallen Dinge auf, die andere Menschen gar nicht bemerken. Das habe ich von Anfang an bewundert.
»Willst du das später beruflich machen?«, fragte ich und zeigte auf die Fotos.
Du hast den Kopf geschüttelt. »Das mache ich nur zum Spaß«, sagtest du. »Meine Mutter ist Künstlerin. Du solltest ihre riesigen abstrakten Bilder sehen, die sind einfach großartig. Aber ihren Lebensunterhalt verdient sie mit kleinen Gemälden vom Sonnenuntergang in Arizona. So ein Leben will ich nicht. Ich will keine Bilder machen, nur weil sie sich verkaufen.«
Ich lehnte mich gegen die Arbeitsplatte und schaute mir die restlichen Fotos an. Rost, der in eine steinerne Bank sickerte, gesprungene Marmoradern, Patina auf einem Metallgitter. Schönheit, wo ich sie niemals vermutet hätte. »Ist dein Dad auch Künstler?«, fragte ich.
Dein Blick verfinsterte sich. Ich sah, wie hinter deinen Augen eine Tür zufiel. »Nein«, sagtest du. »Ist er nicht.«
Ich war in ein Gefahrengebiet geraten, von dem ich nichts geahnt hatte. Da ich dabei war, deine innere Landschaft zu entdecken, merkte ich mir den Ort. U