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Ich fuhr nicht sofort wieder mit dem Transporter nach oben. Christopher zu sehen bedeutete weit mehr, als nur an unsere Trennung erinnert zu werden. Es holte noch ganz andere Bilder hervor, die ich sofort wieder verdrängen musste.
Meistens gelang es mir, indem ich an die Zeit dachte, als mein Garten noch die »Wildnis« war. An meine Kindheit hier in Sommerhausen. Geboren wurde ich zwischen Frankfurts Hochhaustürmen und wuchs auch dort auf, aber die Ferien verbrachten meine Schwester Franziska und ich hier bei unserer Oma in Sommerhausen.
Voller Disteln war die Wildnis damals, mit Schlehenbüschen und einem alten, verkrüppelten Apfelbaum. Dazwischen meterhoch die Kanadische Goldrute. Man konnte sich in ihr wie in einem Maisfeld verstecken, und gemeinsam mit den Nachbarskindern flochten wir aus den harten und doch biegsamen Stängeln Wände für eine Hütte oder bauten Pfeil und Bogen.
Frei waren wir, und alles schien möglich zu sein. Mancher missbrauchte das ungenutzte Grundstück als Müllkippe, wir fanden eine Waschmaschine ohne Trommel, ein Fahrrad ohne Reifen, alles wunderbare Sachen zum Spielen.
Und ich fand meine Liebe zum Gärtnern durch eine halb vertrocknete Zwergtanne. Oma zeigte mir, wie ich sie einpflanzen und pflegen konnte. Sie riet mir zu der Ecke des Grundstückes, was ich erst nicht verstand. Doch heute ist die Zwergtanne über drei Meter hoch und spendet dem weißen Gartenhäuschen Schatten.
Meine Eltern hatten eine Augenarztpraxis im Frankfurter Westend. Sie war das Wichtigste in ihrem Leben. Und wir Töchter sollten hübsch aussehen, gute Noten schreiben und nicht stören. Trotzdem glaubten unsere Eltern, wir würden später Medizin studieren und die Praxis übernehmen – selbst jetzt noch muss ich darüber lachen.
Wir liebten unsere Oma, die Ostereier mit Zwiebelschalen färbte, im Sommer Himbeermarmelade kochte und im Herbst Apfelkuchen backte. Und wir liebten Sommerhausen, wo immer die Sonne zu scheinen schien und sich zwischen den Weinbergen und dem Main so viele Überraschungen versteckten. Die verwinkelten kleinen Gässchen mit den eng stehenden Häusern, die Gärten und Schleichwege entlang der Stadtmauer, die Türme, in denen es spukte.
Leider starb Oma, kurz nachdem ich meinen Meister für Garten- und Landschaftsbau gemacht hatte und endlich bei ihr in der Nähe wohnte. Franzi erbte Omas altes Haus und ich die Wildnis, und so lebten wir heute nah beieinander.
Auch meine kleine Schwester verdankte den Ferien bei Oma ihren Lebenstraum – inspiriert von Sommerhausens Künstlerszene (und vielleicht auch von VatersMuseumsbesuchen, aber das würde sie nie zugeben), hatte sie Kunst studiert und schuf ihre Werke au