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Ein kalter Wind trieb Papierfetzen über den leeren Kai und sammelte sie in den Ecken der zerbröckelnden Betontreppe, auf der ein Löwenzahn Wurzeln geschlagen hatte. Noch vor wenigen Jahren hatten in diesen Häfen die großen Überseedampfer angelegt und ihre Ladung gelöscht, aber jetzt herrschten die Ratten über die Docks, und Wind und Wetter nagten an den Gebäuden und Kaianlagen.
Das ganze Gelände war verlassen und leer. Überflüssig wie die Leute, die hier gearbeitet hatten. Werner Graf schlug den Kragen seiner Cabanjacke hoch und zog ein letztes Mal an seiner Zigarette. Die Kippe war so kurz geraucht, dass jeder weitere Zug ihm die Fingerspitzen verbrennen würde. Er schnippte den Rest der Zigarette in eine Pfütze. Zischend verlosch sie.
Er war hier Kranführer gewesen. 32 Jahre lang. Dann hatte der Betrieb Pleite gemacht und er saß auf der Straße. Mit seinen 56 Jahren fühlte er sich noch lange nicht dem alten Eisen zugehörig, aber einen Job bekam er trotzdem nicht. Zu alt. Lächerlich.
Er war jetzt Frührentner. Werner Graf hatte nie darüber nachgedacht, was er mit seiner Zeit anfangen würde, wenn er sein Berufsleben beendete. Er hatte immer gedacht, dass diese Entscheidung noch lange nicht anstehen würde, und dann war sie von einer Sekunde auf die andere da.
Die Lichter von Blohm+Voss strahlten durch die Nacht von der anderen Elbseite herüber und tauchten die ganze Gegend in ein fahles gelbes Licht. Genug, dass Graf nicht ins Stolpern kam. Er stieg über Betontrümmer hinweg und kletterte unter dem Zaun durch, der das Gelände absperren sollte, aber seinen Zweck in keiner Weise erfüllte. Werner Graf schob die Hände in die Taschen des wollenen Cabans und trottete am Ufer der Elbe entlang in Richtung auf den Grasbrook zu. Hafencity hieß das jetzt. Dahinter, auf der Spitze des Kaiserkais, bauten sie die neue Staatsoper. Elbphilharmonie nannte sich das. Was für ein Blödsinn! Ausgerechnet eine Oper! Einen Musikklub mehr könnte die Stadt sicher noch brauchen, aber eine Oper? Und für so eine Summe? Das Ding kostete mehr, als Graf sich auf einem Haufen vorstellen konnte.
Wenn es wenigstens schön gewesen wäre! Aber er hatte die Entwürfe in einer Sendung im Dritten gesehen. Stahl und Beton. Neumodischer Mist.
Werner Graf wohnte in seiner kleinen Altbauwohnung in der Hein-Hoyer-Straße schon seit fast 30 Jahren. Ein Jugendstilbau mit einem Medusenhaupt über dem Eingang und geschnitzten Türen. In den Zimmern prangte Efeustuck unter den Decken und die Türgriffe waren aus Holz. Das war in seinen Augen Stil, nicht diese moderne Betongießerei.
Er bog aus dem Grasbrook nach links in die Straße Am Kaiserkai ein und die Baustelle der Oper kam in Sicht.
Werner Graf drehte sich gegen den Wind und fingerte eine neue Zigarette aus der fast leeren Packung. Das Einwegfeuerzeug flammte auf und er sog den Rauch ein.
Das Blatt klatschte ihm mitten ins Gesicht, als er sich umdrehte, um seinen Weg fortzusetzen. Seine Hand fuhr hoch und zog das Papier von den Augen fort. Fast wäre seine Brille heruntergefallen. Na danke, ohne Sehhilfe den ganzen Weg zurück! Ohne seine Brille