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Mittwoch, 25. April 1945
Paul duckte sich instinktiv, als er die zischenden Pfeiftöne hörte, die wieder fallende Bomben ankündigten. Gleich darauf folgte das donnernde Geräusch der Einschläge. Sekunden später das Krachen der Explosionen, begleitet vom Klirren zerberstender Fensterscheiben und dem nachfolgenden Einstürzen der Häuser. Verängstigt presste er die Handflächen auf die Ohren und öffnete gleichzeitig den Mund, wie es alle taten. Ständig wurde gewarnt, dass durch die Wucht des Einschlags schwere Lungenschäden möglich seien, und es hieß, dass man so die mächtigen Druckwellen ausgleichen könne.
Kellerwände vibrierten. Einmachgläser zersprangen. Putz bröselte von den Wänden. Dichte Staubwolken verdunkelten das ohnehin schwache Licht der Petroleumlampen. Jeder der Anwesenden tauchte hastig sein Taschentuch in einen der bereitstehenden Wassereimer und hielt es sich vor Mund und Nase, um nicht am dichten Mauerstaub zu ersticken.
Kurz drauf verebbten die Geräusche. Stille trat ein. Niemand sprach über die ausgestandenen Todesängste. Über die Furcht, verschüttet zu werden. Jämmerlich zu ertrinken, wenn ein Wasserrohrbruch den Keller überflutete. Oder sich wie eines der kleinen Kinder eingenässt zu haben. Viele beteten für das Ende des Krieges. Manche fürs Überleben. Andere für den Einmarsch der Alliierten. Nur verblendete Fanatiker glaubten noch an den Endsieg, den die Volksempfänger verkündeten.
Erneut ertönten die zwei gefürchteten Heulperioden der Sirenen von je acht Sekunden. Paul wusste sehr genau, was sie bedeuteten: akute Luftgefahr! Tiefflieger. Wer sich jetzt noch draußen aufhielt, sollte tunlichst in die Sicherheit der öffentlichen Bunker fliehen. Doch wer zu spät kam, fand keinen Einlass mehr. Manche suchten in ihrer Not Deckung in den noch unbeschädigten Häusern. Wie eine Nachbarin, die letzte Woche vom Hamstern zurückkam und es nicht mehr rechtzeitig in den Keller geschafft hatte. Nach der Entwarnung fand man sie zwischen den Trümmern, den Rucksack noch im Tod umklammernd.
Pauls Stiefmutter ordnete das lange dunkle Haar ihrer zitternden Tochter Rosalie, versuchte ihr Zöpfe zu flechten, um Normalität vorzutäuschen. Andere Hausbewohner lenkten Rosalie mit allerlei Fragen ab.
»Wie heißt deine Puppe?«
»Hat sie ein eigenes Bettchen?«
»Oder schläft sie bei dir?«
Rosalie antwortete nicht, sie hatte schreckliche Angst. Genau wie ihre tapfere Mutter, ihr Bruder Paul, Onkel Fritz, Tante Tilli und die anderen Bewohner des Schwabinger Gebäudes an der Danziger Freiheit.
Die Bombardierungen dauerten nun schon viele Stunden an, und die Sirenen heulten beinahe ohne Unterlass. Wie so oft in den letzten Tagen waren sie um Mitternacht aus dem Schlaf gerissen worden – sie schliefen ohnehin nur noch in Kleidern –, hatten sich die bereitstehenden Koffer und Körbe gegriffen, die Mäntel übergeworfen und waren in die Schutzkeller gehastet. Hier harrten sie nun auf unbequemen Holzbänken und Küchenstühlen aus. Die Erwachsen bezwangen ihre Furcht mit launigen Unterhaltungen oder stellten sich auf einer der wenigen verstaubten Matratzen schlafend. Niemand traute sich zwischen den einzelnen Alarmen nach oben. Nicht einmal, um die Notdurft zu verrichten. Wer es gar nicht mehr aus