Kapitel 1
Es gibt mannigfaltige kleine Gefälligkeiten, die ein echter Gentleman einer allein reisenden Lady erweisen kann, welche sie durchaus mit der gebotenen Schicklichkeit annehmen darf. Bedanken Sie sich höflich, doch vermeiden Sie es tunlichst, sich auf jedwede Avancen einzulassen.
Über die Umgangsformen der feinen Dame
Die Kutsche hielt abrupt an, und einen Moment lang gab sich Anna der Vorstellung hin, dass sie an ihrem Reiseziel angekommen seien.
Aber irgendetwas stimmte nicht. Von Weitem drangen kehlige Männerstimmen an ihr Ohr, das Gekreische von Frauen. Durch das Fenster war nichts zu sehen, und niemand kam, um die Tür zu öffnen. Ihre vier Mitreisenden schwiegen, wichen den Blicken der anderen aus. Bloß die leisen Seufzer, die irritierten Reaktionen – ein ungeduldiges Scharren mit den Füßen, ein nervöses Trommeln mit den Fingern – verrieten Anna, dass es sich um einen außerplanmäßigen Halt handeln musste.
Ein paar Minuten verstrichen. Dann räusperte sich der Gentleman ihr gegenüber, ein eher unauffälliger Herr, und klopfte barsch mit seinem Stock an die Kutschendecke. Keine Antwort. Er lehnte sich aus dem Fenster und blickte nach oben.
»Kutscher! Weshalb halten wir hier?«
»Es geht gleich weiter, Sir.« Die Worte klangen nicht sehr überzeugt.
Sie warteten noch ein Weilchen, bis der Gentleman ein leises Schnauben von sich gab, seinen Sohn anwies, bei den Damen zu bleiben, und ausstieg. Anna hörte, wie er ein paar Worte mit dem Kutscher wechselte. Als er fünf Minuten später wieder einstieg, war er so rot im Gesicht, dass zu befürchten bestand, er würde in der nächsten Sekunde einen cholerischen Anfall bekommen.
»Kein Anlass zur Sorge, meine Damen«, sagte er mit vorgetäuschter Ruhe. »Ich würde vorschlagen, dass Sie einfach die Vorhänge zuziehen.«
In diesem Moment begann die Kutsche zu ruckeln, erst rückwärts, dann seitwärts, und zwar so abrupt, dass die Fahrgäste hin und her geschleudert wurden wie Butter in einem Fass. Offensichtlich versuchte der Kutscher zu wenden, ein fast unmögliches Unterfangen auf einer so schmalen Straße, selbst wenn sie gepflastert war und man keine Angst zu haben brauchte, in einem Schlammloch zu versinken.
Gleichzeitig wurden die Rufe draußen lauter – es klang, als würden die Leute irgendetwas skandieren, zornig und zudem bedrohlich. Zudem wurden Steine geworfen, von denen einige die Kutsche trafen und womöglich sogar die Pferde, denn eins gab wiehernd einen Schmerzenslaut von sich. Als der Tumult schließlich noch näher an sie heranrückte, hörte Anna ein einzelnes Wort heraus, das unablässig wiederholt wurde. Brot!
Es schockierte sie, wie Furcht einflößend ein ganz normaler, völlig alltäglicher Begriff sein konnte, wenn er drohend von Aberdutzenden wutentbrannter Menschen gebrüllt wurde.
Mittlerweile bemühte sich der Kutscher, seine verängstigten Gäule unter Kontrolle zu bringen, und rief ihnen lautstark Kommandos zu. In der Kutsche breitete sich angespanntes Schweigen aus. Die beiden Gentlemen blickten starr vor sich hin, die reservierte Lady senkte den Kopf, die Augen wie zum Gebet geschlossen.
Obwohl sie keine Miene verzog und gefasst zu wirken versuchte, schlug Anna das Herz bis zum Hals. Ih