: Diana Fiammetta Lama
: Die toten Mädchen vom Cilento Maresciallo Santomauro jagt ein Phantom.Kriminalroman
: Aufbau Verlag
: 9783841214379
: Santomauro ermittelt
: 1
: CHF 6.60
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: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 423
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Saisonende in Pioppica, die abreisenden Sommerfrischler nehmen die Ausgelassenheit des Strandlebens mit sich fort. Nur ein kleiner Wanderzirkus verweilt noch ein paar Tage in dem verwaisten Örtchen. Da wird ein Mädchen tot in der Nähe des Zirkus aufgefunden, kurz darauf ein weiteres. Die Zahl der möglichen Verdächtigen ist unüberschaubar, und während Maresciallo Santomauro und seine treuen Brigadieri Manfredi und Gnarra sich verzweifelt im Kreis drehen, machen sich die aufgebrachten Dorfbewohner ihren eigenen Reim: Wer nicht gleich die Schausteller oder den Dorfdeppen Minuccio verurteilt, erzählt hinter vorgehaltener Hand die uralte Legende der Gevatterin Perna, welche Kinder raubt, um sie ihrem nimmersatten Sohn Mao zu fressen zu geben ...

Unerbittlich hält die Autorin ihr Brennglas über das malerische Örtchen zwischen Bergen und Meer, bis Angst und Aberglaube zu brodeln beginnen und unter der bröckelnden Oberfläche der dörflichen Normalität ein uraltes Drama ans Licht drängt.



Diana Fiammetta Lama, geb. 1960 in Neapel, von Haus aus Herzchirurgin, muss nach eigener Aussage über Blut schreiben, seit sie nicht mehr täglich mit echtem in Berührung kommt. Für ihren ersten Roman 'Rossi come lei' erhielt sie den Premio Tedeschi, seitdem hat sie zahlreiche Kurzgeschichten und Kriminalromane veröffentlicht sowie die Krimi-Plattform www.napolinoir.it mitbegründet.

Davor und danach: Das Schwein wird geschlachtet


Vom Schwein wird nichts weggeworfen: diese Volksweisheit hatte Maresciallo Santomauro schon oft gehört, doch was sie in der Realität bedeutete, begriff er erst, als er selbst einmal der Schlachtung eines Schweins zusehen konnte. Die Sache hatte sich rein zufällig ergeben, ungeplant, sonst hätte er wahrscheinlich gezögert aus Angst, nie wieder Schweinefleisch essen zu können. Dem war nicht so, abgesehen von einem kleinen, schuldbewussten Schauer, der ihm seitdem immer über den Rücken lief, wenn er in ein Würstchen oder ein Kotelett biss.

Brigadiere Totò Manfredi hatte ihn mitgenommen, der für seinen eigenen Bedarf und den wachsenden Hunger seiner vielköpfigen Familie kurzerhand ein halbes Schwein erstanden hatte und nun an Ort und Stelle seinen Teil abholen wollte. Schon als sie auf Mazzolas Hof ankamen, wo das Blutopfer dargebracht werden sollte, schwante Santomauro, dass die Sache alles andere als ein Spaß werden würde.

Das Schwein, wahrscheinlich getrieben von bösen Vorahnungen, weigerte sich kategorisch, den Stall zu verlassen, und fünf Männer mussten es an zwei Stricken hinauszerren, den einen um den Vorderlauf gebunden, den anderen an einen durch die Nüstern getriebenen Ring. Im Kampfgetümmel brach sich das arme Tier einen Zeh am Hinterlauf, und seine Angst- und Schmerzensschreie hallten grauenerregend durch den frostklaren Morgen.

Insgesamt hatten sich zehn Leute zu der Schlachtung eingefunden, sieben Männer inklusive dem Schlachter und drei Frauen, die etwas abseits standen und auf ihren Einsatz warteten. Manfredi und Santomauro zählten nicht, sie waren nur Zuschauer.

Als das Schwein endlich draußen war, vollzog sich sein Schicksal rasch: Eine schwere Kette wurde ihm um den Hinterlauf gelegt, dann hievten sie es langsam mit einem Flaschenzug kopfüber in die Höhe, wobei es schrie wie – wie ein Schwein auf der Schlachtbank eben. Noch vor dem tödlichen Schlag wurden die Schreie leiser, und nach und nach, sei es durch den Blutzufluss im Kopf, sei es aus Resignation, hörte das arme Tier auf, sich zu wehren. Mazzola entdeckte den gebrochenen, blutenden Zeh am Huf und entfernte ihn fluchend. Er war ein gutherziger Mensch und hasste es, die Tiere unnötig leiden zu sehen.

Der Schlachter, der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte und die Drecksarbeit seinem Stand entsprechend den Handlangern überließ, kam nun schnell heran und stach ihm mit einem scharfen und spitzen Werkzeug zielgenau in den Hals, so dass sich ein walnussgroßes Loch öffnete, aus dem in dunklen Schüben das Blut quoll. Ein Helfer schob flink einen Plastikbottich darunter, in dem man schon die zukünftigen süßen und herzhaften Spezialitäten aus Schweineblut schwimmen sah, und eine Frau begann mit einem großen Holzlöffel stetig darin herumzurühren, damit es nicht klumpte.

Das Tier zuckte noch etliche Minuten, während es von der Kette genommen und auf eine breite Arbeitsplatte gelegt wurde. Daneben köchelte in zwei großen Kesseln Wasser auf einem Reisigfeuer. Die jüngeren Männer begannen mit mächtigen Kellen kochendes Wasser daraus zu schöpfen und über das Schwein zu gießen. Die anderen kratzten mit Schabmessern das Fell ab, so dass das Tier allmählich immer mehr einem rosigen Riesenbaby glich.

Der Erdboden war eine einzige Matsche aus Blut, Wasser und Borsten, die die Männer in hohen Gummistiefeln durchwateten. Peppe ’o Mbriacos Stiefel waren jungfräulich neu, und er musste einige Witzeleie