sehnsucht, sex und mister x
Auf einer Skala von eins bis zehn war Nellys Leben eine anderthalb. Der Grund dafür hieß Karl. Karl war 1 Meter 75 groß, hatte aschblonde Haare, Grübchen in den Wangen und roch zitronig frisch. Alles in allem hatte das Techtelmechtel, das auf einem Hoffest seinen Lauf genommen hatte, bloß ein paar Wochen angedauert. Leider. Denn auf einer Skala von eins bis zehn war Karl eine 12,7. Mit aufsteigender Tendenz. Er war charmant, intelligent, gefühlvoll, hatte eine samtige Stimme, einen durchtrainierten Körper und knutschte überdies wie ein Halbgott. Zu schade, dass sie nicht miteinander geschlafen hatten. Bestimmt wäre es der Himmel auf Erden gewesen, rosa umwölkt und dazu zuckrig süß wie Jogurt-Gums. Und vielleicht hätte es Karl sogar den entscheidenden Kick gegeben, doch mit ihr zusammenbleiben zu wollen. Ein paar Monate am Stück, mit Option auf ein halbes Leben. Aber dann war das Unfassbare geschehen, das Grauen schlechthin: Karl hatte sich in Nellys Nachbarin Jolka verknallt und lief nun Händchen haltend mit ihr durch die Gegend. Warum bloß? War sie lustiger? Geschickter beim Rummachen? Oder war es wegen ihrer langen/roten/wallenden Haare, auf die sie sich so viel einbildete, als sei die tote Materie auf ihrem Kopf ein Zeichen für besondere Intelligenz?
An manchen Tagen tat der Liebeskummer so weh, dass Nelly Karl am liebsten ein Ticket zum Mond spendiert hätte – one way. Besonders wurmte es sie, dass sie Jolka und Karl, dem neuen Traumpärchen der Stadt, nicht ausweichen konnte. Keine Chance. Nicht nur, dass sie mit Jolka in dieselbe Jahrgangsstufe ging und auch noch mit ihr in der Computer-AG hockte, die Frau mit den roten Haaren, Karl und sie waren zu allem Überfluss Nachbarn. Berliner Hinterhof. Nelly lebte mit ihrer Familie im rechten Seitenflügel des u-förmigen Gebäudekomplexes (oberhalb der Kondomerierosarot ihres Stiefvaters), Karl hatte sich in einer WG (2 Mädels, 1 Kerl) im Gartenhaus eingenistet, und Jolka futterte sich bei ihren beiden (lesbischen) Müttern oberhalb der Boutique chic-y-micki im linken Seitenflügel durch.
Nelly liebteihren Hinterhof. Und wenn sie nicht ständig die beiden Turteltäubchen direkt vor ihrer Nase gehabt hätte, wäre sie ganz bestimmt wunschlos glücklich gewesen. Der Hof befand sich im Ostteil Berlins, genauer gesagt im Stadtteil Prenzlauer Berg, und wurde von einem bunt gemischten Haufen bevölkert: Studentinnen und Studenten, ältere Damen und Familien, Ehepaare mit viel Geld, Ehepaare mit wenig Geld, allein erziehende Mütter mit meistens gar keinem Geld – daneben gab es ein paar wenige skurrile Lokale und Läden, die Anwohner und Touristen gleichermaßen anlockten. Gleich im Vorderhaus befand sich der VietnameseSaigon, bloß ein paar Schritte davon entfernt das Cafékitchen, bestückt mit Küchenmobiliar aus den 50er-Jahren, das Jolkas Mutter Anka (gebürtige Polin) bewirtschaftete. Im Innenhof, im linken Seitenflügel direkt unterhalb von Ankas Privatwohnung, hatte deren Lebensgefährtin Sabine – Designerin von Beruf – eine Boutique namenschic-y-micki erö