Es gibt nur zwei Dinge im Leben, die von Bedeutung sind – dass du deinen Text draufhast und deine Nase auch nicht glänzt. Jedenfalls denke ich das, als unsere Chefmaskenbildnerin Anja auf mich zugeschossen kommt, das Schwämmchen wie einen Revolver auf mich gerichtet, um dann hektisch auf meinem Gesicht herumzutupfen, als wäre es ein besonders hartnäckiger Fall von fettglänzender Schweineschwarte. Vielleicht ist nur wieder mal meine Nase säuferrot. Aber da kann ich ihr gleich sagen, es ist sinnlos, nur ein bisschen Puder draufzutupfen. Wenn ich Pech habe, bröckelt das Make-up darunter und dann sieht mein Gesicht wie die reinste Kraterlandschaft aus. Streng genommen, hilft nur abschminken und alles neu zukleistern, aber dafür bleibt natürlich keine Zeit.
»Los jetzt!«, ruft Massimo – so schimpft sich unser Regisseur, obwohl er vor schätzungsweise 50 Jahren einfach nur als Peter Meyer geboren wurde. »Bisschen das Tempo drosseln. Ihr vernuschelt mir ja den ganzen Text!«
Text … Genau … Den hab ich auch schon wieder vergessen, zumindest den Einstieg.
»Kann ich noch mal …«, fange ich an, aber da funkt der Tonmeister dazwischen: »Nun raschelt doch verdammt noch mal nicht so mit der Brötchentüte, das kann ja kein Mensch je wieder wegziehen!« Und bevor ich auch nur Piep sagen beziehungsweise nach dem Drehbuch in meine Basttasche greifen kann, grölt Setaufnahmeleiter Bärendonk: »Ruhe, wir drehen!« – »Ton läuft«, ruft der Tonmann, »Kamera läuft!«, der Kameramann, »und bitte!«, trompetet Massimo gleich hinterher und Hiwi Bernd hält die Klappe ins Bild, Folge 1477, Szene 13, Take zwei.
Das ist der Moment, in dem mir jedes Mal schwarz vor Augen wird, zumindest für die Dauer eines Atemzuges, aber dann wie durch ein Wunder bin ich mit einem Schlag hellwach und zum Glück fällt mir auch der Text wieder ein. Meistens jedenfalls.
Schon kommt mein Serienlover Sebastian – im wirklichen Leben heißt er Max – durch die Papp-Haustür, lässt sich ermattet auf einen der Stühle fallen und legt eine Brötchentüte auf den Tisch, die ich dann laut Drehbuch öffnen soll.Ohne zu rascheln. Wie auch immer das gehen soll.
»Waren keine Croissants mehr da«, sagt Max in seiner lässigen, immer ein bisschen vernuschelten Art und ich setze mich so leise wie möglich mit der blöden Tüte raschelnd neben ihn.
»Schon okay.« Meine Stimme klingt kratzig und Max sagt, eigentlich habe er auch gar keine Zeit, mit mir zu frühstücken, weil doch heute die Orientierungseinheit an der Uni anfange. Damit springt er auf, gibt mir ein nach Lakritze riechendes Küsschen auf die Mundecke und verschwindet wieder durch die Papptür nach draußen. Das Zeichen für mich, die Tüte ganz aufzureißen (was nun wirklich nicht ohne Rascheln geht), alle Brötchen auf den langen Holztisch zu schütten, zum Kühlschrank zu rennen und alles, was nach Lebensmitteln aussieht, rauszuzerren …
Seit einem knappen halben Jahr spiele ich in der Daily SoapHomepage die Stella, ein 16-jähriges Mädchen, das aus Protest gegen die Scheidung ihrer Eltern von zu Hause weggelaufen ist, nach einigem Hin und Her mit Sebastian und Lix eine WG aufgezogen hat, aber statt dass es ihr endlich mal besser geht, ist sie gerade dabei, richtig heftig bulimiekrank zu werden, das heißt, sie frisst und kotzt und frisst und kotzt – und das in fast jeder Szene. Ziemlich eklig, aber das eigentlich Schlimme an der Rolle ist, dass ich wirklich fressen muss, zumindest ein bisschen, und wenn die Szene dann nach zwei bis drei Wiederholungen endlich im Kasten ist, fühle ich mich wirklich kodderig. Immerhin hat Massimo noch nie verlan