München, Mai 2015
Einen wunderschönen Guten Morgen zusammen. Uns erwartet ein sonniger Sonntag ...«
Sekunde! Sonnig war ja in Ordnung, aber wie kam der Kerl im Radio auf Sonntag? Schlaftrunken wälzte Carola sich zur Seite. Na prima! Da hatte sie wohl wieder einmal vergessen, den Wecker auszuschalten. Immerhin lag Jan nicht mehr im Bett. Der wurde, nicht ganz zu Unrecht, fuchsteufelswild, wenn am Wochenende der Wecker losplärrte. Erleichtert dankte sie dem Schicksal dafür, dass er offenbar schon beim Joggen war. Sie fand es gut, dass er auf sich und seinen Körper achtete. Schließlich ging er auf die vierzig zu und in seinem Job als Immobilienmakler in einer der größten und renommiertesten Firmen Münchens musste er mit den jungen – wie er es nannte – übermotivierten Uni- und Fachhochschulabsolventen Schritt halten. Wollte man eine Villa zum durchaus knackigen Preis von fünf Millionen verkaufen, musste das Gesamtbild passen, dazu gehörte ein makelloses Äußeres. Das wusste Jan und daher joggte er fast jeden Morgen durch den Englischen Garten.
Carola streckte sich genüsslich. So wie sie ihn kannte, würde er frische Brötchen mitbringen und sie konnten gemütlich frühstücken. Hoffentlich! Denn seit sie, zugegeben etwas eigenmächtig, die vegane Lebensweise eingeführt hatte, waren Diskussionen bei Tisch vorprogrammiert. Jan stand nicht sonderlich auf Produkte, bei denen der Name mit »Wie« begann. »Wie«-Käse, »Wie«-Wurst, »Wie«-Joghurt wurden von ihm höchst misstrauisch beäugt und als »Wie«-Essen bezeichnet. Aber Carola war sich absolut sicher, dass er früher oder später die Sinnhaftigkeit dieser Ernährung nachvollziehen konnte. Spätestens, wenn seine Haut erstrahlte und sein Haar füllig und glänzend war. Nicht, dass es das nicht jetzt schon gewesen wäre, aber wie lange noch? Dem galt es vorzubeugen, insbesondere da auch sie sich ein jugendlich frisches Hautbild und einen straffen Körper erhalten wollte.
Na, das würde sich schon alles einpendeln. Früher oder später war Jan immer zur Vernunft gekommen. Zum Beispiel als sie ihn kurzerhand in ihrem Fitnesscenter zum gemeinsamen Spinning angemeldet hatte. Seinem Argument »Kannst du mir sagen, warum ich mich von einem muskelbepackten Kerl anbrüllen lassen muss, dabei wie ein Blöder in die Pedale trete, nur um nach einer Stunde schweißüberströmt zusammenzubrechen und nach einem Sauerstoffzelt zu japsen, wenn ich rund um München und direkt vor der Haustür wunderschöne Outdoor-Möglichkeiten habe?« konnte sie nicht wirklich viel entgegensetzen. Um des Friedens willen war er der Spinning-Stunde dann doch treu geblieben.
Carola krabbelte seufzend unter der Decke hervor. Der Radiomann behielt offensichtlich recht. Strahlende Sonne, stahlblauer Himmel und fröhlich singende Vögel. Eine regelrechte Idylle.
Sie schlang ihren Morgenmantel um sich und ging hinaus auf den kleinen Balkon, von dem aus sie in die grüne Oase einer gepflegten Gartenanlage blickte. Ja, sich für diese Wohnung zu entscheiden, war richtig gewesen. Ein Traum von 120 Quadratmetern, nur knapp zehn Minuten vom Englischen Garten entfernt. Der Preis war happig, aber schließlich arbeiteten sie beide und wollten sich, wenn sie am Abend nach Hause kamen, wohlfühlen. Das konnte man wahrlich in diesen vier Wänden mit Whirlpool, Traumküche und offenem Kamin im Wohnzimmer.
Zufrieden tapste sie ins Bad und stellte sich vor den großen Spiegel. Hoppla. Heute hätte der Spiegel gerne ein wenig kleiner sein dürfen, eventuell auch ihr Spiegelbild etwas unschärfer. Die Figur passte, aber wie war das mit dem jugendlich frischen Hautbild gleich noch mal? Das, was ihr da entgegenblickte, kam ihrem Ideal leider nicht so nahe, wie sie es sich, nachdem sie nun seit Wochen vor dem Fernseher Sonnenblumenkerne statt Nachos knabberte und grüne Smoothies statt Rotwein trank, eigentlich erhofft hätte. Unwillig zog sie an ihrem Gesicht