: Wolfgang Neumann, Ulrich Meier, Udo Baumann
: Auch Klienten brauchen Märchen Mutgeschichten aus dem therapeutischen Nähkästchen
: dgvt Verlag
: 9783871594229
: 1
: CHF 11.70
:
: Psychologie
: German
: 152
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Autorentrio vermittelt in seinem neuen praxisnahen Buch viele hilfreiche Tipps und Anregungen zum therapeutischen Umgang mit Sprache in der Therapie. Es möchte PsychotherapeutInnen in Praxen und Beratungsstellen dazu ermutigen, den eigenen kreativen Impulsen zu vertrauen. Zur Illustration werden unterschiedliche Beispiele aus der alltäglichen Praxis angeführt und dargestellt, wie mithilfe von Märchen und Geschichten auf 'spielerische' Weise Lösungen erreicht werden können. Das Buch bietet eine Fülle von auf verschiedene Problemlagen abgestimmtem Lesestoff, der fachlich und unterhaltsam zugleich sich bildreich und deshalb gut lesbar von trockener Fachliteratur abhebt. Eine Fundgrube für alle, die über sich und das Leben nachdenken wollen.

Wolfgang Neumann, Ulrich Meier und Udo Baumann arbeiten als Supervisoren und Psychotherapeuten in einer psychologischen Praxis in Bielefeld und haben zusammen schon mehrere Fachbücher veröffentlicht (z.B.: 'Mögen Sie Ihre Klienten und mögen Ihre Klienten Sie? - Synergieeffekte einer allgemeinen Psychotherapiesupervision', 2007, und 'Schwarz auf Weiß: Väter und Söhne in der Psychotherapie', 2011).

Die Fallbeispiele:
Demonstrationen aus der Praxis

1.Natur hilft

Frau T. kommt aus der Ukraine. Sie berichtet von ihrer schweren Kindheit. Sie sei viel geschlagen worden. Sie arbeite in Bielefeld in einer Kantine, wo sie sich zwar wohlfühle, aber auch viel „untergebuttert“ werde. Sie könne sich nicht wehren, ziehe sich dann zurück und leide unter depressiven Symptomen. Ihr Mann, der sie früher auch schlecht behandelt habe, stehe jetzt voll hinter ihr, sie sagt, sie dürfe sogar „Mini“ tragen, obwohl ihre Beziehung keine leidenschaftliche sei. Da sei sie wie ihre Mutter, die sei auch sehr kalt gewesen. Was ihr helfe, sei, dass sie ein Stück Grabeland gepachtet habe, dort verbringe sie jede freie Minute. Ich schreibe für sie eine Geschichte, die ihr Mut machen soll.

Der graue Himmel über der grauen Industriestadt im Osten war allein schon eine Belastung für ein Menschenkind, das von Beginn seines Lebens an Farben liebte. Eines Tages ging das Kind, nennen wir es Ewa, die Straße entlang, um von der Schule nach Hause zu kommen. Ewa ließ sich viel Zeit, zu Hause fühlte sie sich oft nicht so willkommen, es gab irgendetwas mit Kartoffeln zu essen, und Vater und Mutter waren nicht immer freundlich mit ihr. Ewas Mutter war nicht so herzlich zu ihr, sie war manchmal sogar abweisend und ihr war wichtig, dass Ewa ihre Aufgaben in der Schule und auch zu Hause gehorsam erledigte. Ewa wollte gerne viel lernen, denn nur dann – das war ihr mit ihren elf Jahren schon klar –, nur dann würde sie eine Chance haben, sich irgendwann zu befreien. Ihren Vater nannte Ewa einen Despoten. Sie durfte keinen eigenen Willen haben, und auch zu ihrem drei Jahre älteren Bruder war die Beziehung nicht liebevoll, obwohl die beiden Kinder doch zusammen aufwuchsen. Ewa war viel alleine. Der graue Himmel ist auch in mir, dachte sie manchmal und fühlte sich sehr bedrückt. Als sie so die Straße nach Hause ging und den Kopf geneigt hielt, hörte sie auf einem Mal einen Vogel, der oben auf einem Gartenzaun saß und ein Frühlingslied zwitscherte. Weit entfernt antwortete ein anderer Vogel, vielleicht ein Männchen, denn der Vogel, den Ewa sehen konnte war auch grau. Sie setzte sich auf einen Bordstein und lauschte den beiden Vögeln. Sie wünschte sich die Sprache der Vögel zu verstehen, denn sie klang lustig und witzig, nicht wie die Sprache, die zu Hause gesprochen wurde und die ihr manchmal hart und abweisend erschien. In der Schule sprach man auch, aber dort wurde die Sprache beurteilt, ob man richtig sprach oder falsch, ob die Grammatik stimmte oder nicht. Ewa schloss ihre Augen. Ja, es gab schon Situationen, in denen sie ihre Sprache schön fand, in der Kathedrale, wenn gesungen wurde, auf Festen, wenn man lustig miteinander schwätzte, wenn sie mit ihrer Freundin klatschte und sie kicherten. Sie beobachtete die beiden Vögel, die jetzt zusammen auf einem Ast saßen. Sie schienen sich sehr zu mögen, denn ihre Schnäbel berührten sich, als ob sie sich küssen würden. Wann habe ich zum letzten Mal einen Kuss bekommen?, dachte sie. Vielleicht zu Ostern oder zu ihrem Namenstag, auf die Wange, flüchtig, wie ein Sonnenstrahl, der ganz kurz zwischen zwei dunklen Wolken hindurchblinzelte. Einmal hatte sie einen Film gesehen, in dem sich zwei Menschen küssten. Das sah komisch aus und sie hatte sich geschämt. Wie sich das wohl anfühlte, wenn man sich küsst? Ob man das darf? Was sagt Gott dazu? Bei den Vögeln hat er offensichtlich nichts dagegen. Oder doch? Denn nun fing es plötzlich an zu graupeln, Aprilwetter, nicht der Liebesmonat Mai. Ewa nahm ihre Schultasche und lief nach Hause. Ich habe Mama und Papa noch nie sich küssen gesehen. Ob sie es heimlich tu