: Rosemarie Piontek
: Doing Gender Umgang mit Rollenstereotypen in der therapeutischen Praxis
: dgvt Verlag
: 9783871594212
: 1
: CHF 13.50
:
: Psychologie
: German
: 208
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die polarisierten und einengenden Geschlechtsrollenstereotype 'Jungenhellblau und Mädchenrosa' beginnen sich allmählich aufzulösen, um einer facettenreicheren Vielfalt menschlicher Erlebens- und Verhaltensmuster Raum zu geben, unabhängig vom biologischen Geschlecht. Das ist auch das Ziel genderbewusster Psychotherapie. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer gendersensiblen therapeutischen Grundhaltung, die berücksichtigt, dass Frauen wie Männer sowohl störungsspezifisch als auch interaktional unterschiedliche Möglichkeiten von Kommunikation und Beziehungsgestaltung gelernt haben. Ein differenzierter Blick auf den Genderaspekt kann die Qualität der Therapie deutlich verbessern, indem die bekannten therapeutischen Methoden entsprechend modifiziert und um die gendersensitive Perspektive erweitert werden. Wie dies im Therapieverlauf mithilfe von strukturierten Bausteinen gelingen kann, wird handlungsnah und therapiepraktisch anhand konkreter Beispiele aufgezeigt und durch die Erkenntnisse aus der Genderforschung untermauert. Eine Pflichtlektüre für PsychotherapeutInnen aller Schulen!

Diplom-Psychologin, Verhaltenstherapeutin, Psychologische Psychotherapeutin, tätig in einer Praxengemeinschaft in Bamberg und als Lehrtherapeutin sowie Supervisorin für verschiedene Ausbildungsinstitute und psychosoziale Einrichtungen. Mitbegründerin des 'Bamberger Instituts für Gender und Gesundheit' (BIGG e.V.). Ehrenamtliche Tätigkeiten in kommunalen Gremien der psychosozialen Versorgung.

2. „Ja, aber das spielt doch keine wichtige Rolle!“ – Ein Kapitel für Gender-SkeptikerInnen

Martin Weiß

Dieses Kapitel ist all jenen Leserinnen und Lesern gewidmet, die genderbezogenen Theorien und Arbeitsweisen mehr oder weniger skeptisch, wenn nicht sogar ablehnend gegenüberstehen. Deshalb soll hier eine Sichtweise vorgestellt werden, die mit vielen Grundüberzeugungen unserer Alltagstheorie über Männer und Frauen im Widerspruch steht.

Aus Sicht der Gendertheorie möchte ich einige wichtige Einwände gegen die Genderperspektive entkräften, ohne mich dabei jedoch in den Tiefen des theoretischen Fachdiskurses zu verlieren. Anhand kurzer, thesenartiger Statements, die die wesentlichen Grundlagen der Genderforschung zur Sprache bringen, möchte ich einigen „Wenns“ und „Abers“ in Bezug auf die Genderperspektive argumentativ entgegentreten.

All jenen LeserInnen, die dem Genderansatz aufgeschlossen gegenüberstehen, kann dieses Kapitel als Argumentationshilfe dienen in den fast schon ideologisch anmutenden Auseinandersetzungen im „Anlage-Umwelt-Streit“, im Streit um feministische bzw. patriarchatskritische Positionen bzw. im Konflikt über die Relevanz des Faktors „Geschlecht“ in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur.

2.1Einwand 1: „Aber das ist doch alles biologisch bestimmt!“ – Die biologistische Argumentation

Immer wieder begegnet man biologistischen Einwänden gegen gendersensible Arbeitsansätze in Sozialarbeit, Pädagogik und Psychotherapie. Die Argumentationslinie verläuft immer mehr oder weniger wie folgt: Die soziale Geschlechterdifferenz zwischen Männern und Frauen hat ihre Grundlage in der Biologie, also in unterschiedlichen Hormonen, Genen usw. In unmittelbarer Kausalität formt die unterschiedliche Biologie von Männern und Frauen klar voneinander trennbare männliche und weibliche Geschlechtscharaktere. Da die sogenannten „natürlichen“ Unterschiede nicht überwindbar sind, ist folglich auch die soziale Geschlechterdifferenz ein unabänderliches Schicksal. Jeder Versuch, geschlechterstereotype Rollenmuster zu verändern, ist somit ein zum Scheitern verurteilter Aufstand gegen die Natur und damit nicht nur widernatürlich, sondern sogar moralisch verwerflich.

Mehr oder weniger differenziert vorgetragen, findet man dieses Argumentationsmuster sowohl in wissenschaftlichen Abhandlungen, in päpstlichen Verlautbarungen, in Diskussionsrunden im Fernsehen als auch am Stammtisch. Dieser biologistische Genderdiskurs prägt sehr tiefgehend und subtil die kulturell vorherrschende Alltagstheorie der Geschlechterdifferenz, die die Kategorien „sex“ (biologisches Geschlecht) und „gender“ (soziales Geschlecht) unsachgemäß miteinander vermischt und Kausalitäten konstruiert, die gar nicht da sind.

Diese unterkomplexe Alltagstheorie unterliegt zwei schwerwiegenden Irrtümern.

2.1.1Irrtum 1: „Es gibt nur zwei klar getrennte biologische Geschlechter (sex): Mann und Frau.“

Was auf dem ersten Blick so selbstverständlich erscheint, ist es auf dem zweiten Blick nicht mehr. Das wichtigste Gegenargument hierfür liefert das Phänomen der Intersexualität: Menschen, die genetisch, anatomisch und/oder hormonell nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet werden können. Diese Menschen, immerhin rund 2 % der deutschen Bevölkerung (DGTI; Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität, 2001), sprengen die dualistische Geschlechtertheorie.

Deutlich wird: Das biologische Geschlecht von uns Menschen ist nicht in der dualistischen Logik von A/Nicht-A oder männlich/nichtmännlich strukturiert, sondern in einer pluralen Logik