2. „Ja, aber das spielt doch keine wichtige Rolle!“ – Ein Kapitel für Gender-SkeptikerInnen
Martin Weiß
Dieses Kapitel ist all jenen Leserinnen und Lesern gewidmet, die genderbezogenen Theorien und Arbeitsweisen mehr oder weniger skeptisch, wenn nicht sogar ablehnend gegenüberstehen. Deshalb soll hier eine Sichtweise vorgestellt werden, die mit vielen Grundüberzeugungen unserer Alltagstheorie über Männer und Frauen im Widerspruch steht.
Aus Sicht der Gendertheorie möchte ich einige wichtige Einwände gegen die Genderperspektive entkräften, ohne mich dabei jedoch in den Tiefen des theoretischen Fachdiskurses zu verlieren. Anhand kurzer, thesenartiger Statements, die die wesentlichen Grundlagen der Genderforschung zur Sprache bringen, möchte ich einigen „Wenns“ und „Abers“ in Bezug auf die Genderperspektive argumentativ entgegentreten.
All jenen LeserInnen, die dem Genderansatz aufgeschlossen gegenüberstehen, kann dieses Kapitel als Argumentationshilfe dienen in den fast schon ideologisch anmutenden Auseinandersetzungen im „Anlage-Umwelt-Streit“, im Streit um feministische bzw. patriarchatskritische Positionen bzw. im Konflikt über die Relevanz des Faktors „Geschlecht“ in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur.
2.1Einwand 1: „Aber das ist doch alles biologisch bestimmt!“ – Die biologistische Argumentation
Immer wieder begegnet man biologistischen Einwänden gegen gendersensible Arbeitsansätze in Sozialarbeit, Pädagogik und Psychotherapie. Die Argumentationslinie verläuft immer mehr oder weniger wie folgt: Die soziale Geschlechterdifferenz zwischen Männern und Frauen hat ihre Grundlage in der Biologie, also in unterschiedlichen Hormonen, Genen usw. In unmittelbarer Kausalität formt die unterschiedliche Biologie von Männern und Frauen klar voneinander trennbare männliche und weibliche Geschlechtscharaktere. Da die sogenannten „natürlichen“ Unterschiede nicht überwindbar sind, ist folglich auch die soziale Geschlechterdifferenz ein unabänderliches Schicksal. Jeder Versuch, geschlechterstereotype Rollenmuster zu verändern, ist somit ein zum Scheitern verurteilter Aufstand gegen die Natur und damit nicht nur widernatürlich, sondern sogar moralisch verwerflich.
Mehr oder weniger differenziert vorgetragen, findet man dieses Argumentationsmuster sowohl in wissenschaftlichen Abhandlungen, in päpstlichen Verlautbarungen, in Diskussionsrunden im Fernsehen als auch am Stammtisch. Dieser biologistische Genderdiskurs prägt sehr tiefgehend und subtil die kulturell vorherrschende Alltagstheorie der Geschlechterdifferenz, die die Kategorien „sex“ (biologisches Geschlecht) und „gender“ (soziales Geschlecht) unsachgemäß miteinander vermischt und Kausalitäten konstruiert, die gar nicht da sind.
Diese unterkomplexe Alltagstheorie unterliegt zwei schwerwiegenden Irrtümern.
2.1.1Irrtum 1: „Es gibt nur zwei klar getrennte biologische Geschlechter (sex): Mann und Frau.“
Was auf dem ersten Blick so selbstverständlich erscheint, ist es auf dem zweiten Blick nicht mehr. Das wichtigste Gegenargument hierfür liefert das Phänomen der Intersexualität: Menschen, die genetisch, anatomisch und/oder hormonell nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet werden können. Diese Menschen, immerhin rund 2 % der deutschen Bevölkerung (DGTI; Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität, 2001), sprengen die dualistische Geschlechtertheorie.
Deutlich wird: Das biologische Geschlecht von uns Menschen ist nicht in der dualistischen Logik von A/Nicht-A oder männlich/nichtmännlich strukturiert, sondern in einer pluralen Logik