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Es war ein Fehler gewesen hierherzukommen. Leonie nippte an ihrem Caipirinha und starrte an den Leibern der Tanzenden vorbei auf den üppigen Garten. Die Luft war schwülwarm. Aus den Lautsprechern drangen Reggae-Klänge, die perfekt zu einer karibischen Nacht passten. Allerdings rauschten hinter den sorgfältig gestutzten Hecken nicht die Wellen des Atlantiks, sondern die Kiefernwälder Brandenburgs.
Die Terrasse der Villa war so groß wie ein Volleyballfeld und der Garten dahinter ähnelte einem Park. Öllampen und Fackeln verbreiteten warmes Licht. Erik war nicht nur reich, er hatte auch Geschmack.
Leonie seufzte und sah hinüber zu ihrer Kollegin Johanna. Eng umschlungen tanzte sie mit ihrem Verlobten. Seit mehr als einer Stunde ging das schon so. Selbst zu dem alten Hardrock-Klassiker »Jump« von »Van Halen« hatten die beiden nicht voneinander lassen können. Wahrscheinlich hatte der Schweiß sie fest miteinander verklebt.
»Willst du tanzen?« Ein rotwangiges Gesicht beugte sich über sie und das geöffnete Hemd bot einen großzügigen Ausblick auf eine behaarte Männerbrust. Unter buschigen Augenbrauen starrten zwei dunkle Augen konzentriert in ihren Ausschnitt.
Ja, es war ein Fehler gewesen! Sie schüttelte den Kopf und zupfte an ihrem kurzen Sommerkleid.
Schweißige Finger legten sich auf ihre Schulter. »Komm, es ist eine herrliche Nacht!«
»Nein!« Verärgert schüttelte sie die Hand des lästigen Verehrers ab.
»Nun sei doch nicht so …«
Leonie stand auf und bemerkte mit einem kritischen Blick auf seine zunehmend haarlose Kopfhaut: »Kann es sein, dass Sie eine Immunschwäche haben?«
»Hä?«
»Diese krustös-nässenden und schuppenden Läsionen der Kopfhaut sind typisch für einen Mykosebefall.«
Der Mann wich zurück und strich sich instinktiv mit der Hand über die hohe Stirn. »Was?«
»Pilzinfektion«, erklärte Leonie, »das kann ziemlich unangenehm sein. Sie sollten unbedingt zum Arzt gehen. Darf ich mal vorbei?« Sie zwängte sich an dem verdutzten Mann vorbei und stöckelte, so rasch es ihre Würde und ihre neuen Cut-Out-Sandalen von Christian Louboutin zuließen, auf die Tanzfläche zu. Gut, vermutlich handelte es sich bei den Schuhen um vergleichsweise günstige Fälschungen aus China, aber das machte sie auch nicht bequemer.
»Blöde Kuh. Pilzinfektion – so ein Schwachsinn!«, hörte sie den Mann hinter sich brummen.
Sie gestattete sich ein kleines Lächeln, bis ihr Absatz beim Betreten des Rasens hängen blieb und sie mit rudernden Armen gegen einen Bistrotisch stieß. Ein Glas mit Rotwein kippte um und ergoss sich auf das weiße Hemd einer jungen Hostess, die sie daraufhin mit traurigen Augen anblickte.
»Entschuldigung. Das tut mir sehr leid