: Thomas Franke
: Das Tagebuch Roman.
: Gerth Medien
: 9783961220540
: 1
: CHF 12.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 455
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Bei Grabungen in Frankreich macht der Archäologe Leon Weber eine erstaunliche Entdeckung: Er stößt auf das Tagebuch einer Adeligen aus der Zeit der Französischen Revolution, die auf ihre Hinrichtung wartet. Irritiert stellt er fest, dass dieses Tagebuch ein Eigenleben zu führen scheint: Es verschwindet immer wieder - um dann mit neuem Inhalt aufzutauchen ... Nach seinem erfolgreichen Debüt 'Das Haus der Geschichten' legt Thomas Franke erneut einen vielschichtigen Roman vor. Zum einen geht es um die tiefe Auseinandersetzung mit den großen Glaubensfragen. Doch zugleich entspinnt sich ein atemberaubender Handlungsstrang mit zwei Menschen aus verschiedenen Zeitaltern.

Thomas Franke ist Sozialpädagoge und bei einem Träger für Menschen mit Behinderung tätig. Als leidenschaftlicher Geschichtenschreiber ist er nebenberuflich Autor von Büchern. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. www.thomasfranke.net Foto: © Studioline Erlangen

Menetekel

»Einen Augenblick, ich verbinde.« Die Stimme der Frau klang kühl.

Leon schluckte. Die Warteschleifenmusik setzte ein und ihn traf ein dicker Regentropfen. Er trat einen Schritt zurück unter die schützenden Planen, die sie über die Grabungsstätte gespannt hatten, und im gleichen Augenblick begann es in der Leitung zu knistern. Seufzend setzte er sich wieder dem herannahenden Unwetter aus. Obwohl sie sich unweit der Stadt Nantes befanden, war der Handyempfang hier im Château de Chamilot eine problematische Angelegenheit. Sein Assistent Pawel, der die Logistik übernommen hatte und für die Computer zuständig war, fluchte ständig über die unzuverlässige Internetverbindung. Leon sah zu, wie der Himmel sich verdüsterte. Der nahe Atlantik konnte innerhalb weniger Minuten ein ausgewachsenes Unwetter bescheren.

»Dr. Weber?«, vernahm er den tiefen Bass Prof. Degenhardts.

Leon zuckte innerlich zusammen. »Ja, am Apparat. Sie hatten um Rückruf gebeten?«

»Es ist verdammt schwer, Sie zu erreichen, wissen Sie das?«

»Ja, das haben wir auch schon festgestellt«, rief Leon gegen das Trommeln des stetig zunehmenden Regens an. »Wir haben des Öfteren kein Netz. Das Château de Chamilot befindet sich offenbar in einer Art Funkloch.«

»Reden Sie deutlicher, Mann, ich verstehe kein Wort.«

»Wir haben Netzprobleme!«, brüllte Leon in den Hörer. Ein Dickhornschaf, das sich, träge wiederkäuend, auf dem grasbewachsenen Hügel direkt neben der Ruine niedergelassen hatte, schaute verdutzt zu ihm herüber.

Der Professor am anderen Ende der Leitung hielt offenbar die Hand vor den Hörer und gab barsch irgendeine Anweisung an jemanden in seinem Büro. Der Regen trommelte immer heftiger auf die Planen, und in der Ferne donnerte es. Das Wasser rann Leon kalt in den Nacken, doch als er sich erneut einen halben Meter unter die schützende Plane zurückwagte, wurde die Verbindung abrupt schlechter. Hastig trat er wieder vor.

»… es bei Ihnen läuft?« Er bekam nur noch den zweiten Halbsatz des Professors mit.

»Nun, äh die Grabungen kommen nur schleppend voran«, setzte Leon an. »Wir haben einige logistische Probleme und«

»Kommen Sie mir nicht mit Ausflüchten«, fuhr ihn der Professor an. »Haben Sie nicht zugehört? DasDAI bombardiert mich mit Fragen, und mir fallen bald keine