: Thomas Franke
: Der Geschichtensammler Roman.
: Gerth Medien
: 9783961220557
: 1
: CHF 12.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Berlin, 1945: In der zerstörten Hauptstadt tobt die letzte sinnlose Schlacht des untergehenden Dritten Reiches. Der junge Flakhelfer Rasmus Eichdorff scheut kein noch so großes Risiko, um seine heimliche Liebe Emmi in Sicherheit zu bringen. Doch dann gerät er in russische Kriegsgefangenschaft. Desillusioniert, dem Glauben entfremdet und in völliger Ungewissheit über den Verbleib der Frau, die er liebt, droht Rasmus in tiefer Verzweiflung zu versinken. Wären da nicht ein alter Soldat und eine Sammlung allegorischer Erzählungen, die Hoffnung und verschüttetes Gottvertrauen wieder aufkeimen lassen ... Ein faszinierender Roman über die Kraft von Geschichten. Und über den Autor der größten Geschichte der Welt.

Thomas Franke ist Sozialpädagoge und bei einem Träger für Menschen mit Behinderung tätig. Als leidenschaftlicher Geschichtenschreiber ist er nebenberuflich Autor von Büchern. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. www.thomasfranke.net Foto: © Studioline Erlangen

Hagelsturm und Sülze

Geduckt und die Muskeln unter dem struppigen Fell zum Sprung bereit, schlich die magere graue Katze auf das Mäuerchen zu. Die Ratten, die sich überall in der Stadt ausbreiteten, waren ihr zu wehrhaft, aber diese gefiederte Beute dort war verlockend. Der Boden unter ihren Pfoten zitterte unablässig, Steine kullerten Geröllhalden hinab, und verkohlte Balken knirschten. Pausenlos donnerten in der Ferne die Geschütze.

Die Rote Armee hatte Berlin erreicht. 2,5 Millionen Soldaten drangen in die Hauptstadt ein – mit einem Waffenarsenal, das groß genug war, um an der gesamten Front alle drei Meter ein Geschütz aufzustellen.

Die Katze hielt inne. Rechts von ihr kam Bewegung auf.

Durch eine schmale Schneise in den Schuttbergen radelten Hitlerjungen mit Panzerfäusten an den Fahrradlenkern Richtung Front. Der Weg war nicht weit. „Von der Westfront zur Ostfront kannste mit der Straßenbahn fahren“, kommentierten die Berliner mit Galgenhumor die Situation der belagerten Stadt.

Die Augen der Katze waren konzentriert auf ihre Beute gerichtet, ein kleines, gelb-blaues Knäuel, das ein paar Zentimeter voran hüpfte und an irgendetwas pickte, das auf der Mauer lag. Langsam schlich sie weiter. Mittlerweile gab es immer weniger Menschen in den stetig wachsenden Schuttbergen. Sie musste nur Geduld haben und warten, bis die seltsame Kolonne dort unten vorübergezogen war.

Die meisten Menschen, die noch in der Stadt ausharrten, waren Frauen, Kinder und alte Leute. Der Roten Armee standen 42.000 Wehrmachtssoldaten und noch einmal so viele alte Männer und kleine Jungen gegenüber, die von den Nazis beschönigend „Volkssturm“ genannt wurden. Die Verschwendung von Menschenleben an den Fronten des Krieges und die Bombenangriffe hatten die Bevölkerung ausgedünnt. Viele waren aufs Land geflohen. Die Reichshauptstadt war zum Reichstrümmerfeld geworden. Aber einige glaubten noch immer an den Sieg. Vor allem die Jungen.

Endlich war der Trupp vorbeigeradelt. Die Katze schlich weiter, duckte sich tiefer in den Staub, in dem ihr langhaariges, graues Fell kaum zu erkennen war.

Ein blecherner Lärm übertönte jetzt das Dröhnen der Geschütze. Ein Lautsprecherwagen rumpelte vorbei, verkündete Durchhalteparolen und beorderte die Bevölkerung zum Ausheben von Panzergräben. Der kleine Vogel flatterte erschrocken auf, ließ sich aber nur einen Meter entfernt erneut auf der Mauer nieder. Die Katze zuckte mit den Ohren, änderte die Richtung und schlich sich behutsam näher an ihre Beute heran.

Jeder weitere Kriegstag war eine