: Frank Büttner, Andrea Gottdang
: Einführung in die Ikonographie Wege zur Deutung von Bildinhalten
: Verlag C.H.Beck
: 9783406660467
: 3
: CHF 15.30
:
: Allgemeines, Lexika
: German
: 304
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Welche Quellen berichten von der Kindheit Marias? Wieso wird die Venus oft von einem Taubenpaar begleitet? -Ohne die Kenntnis des klassischen Bildungskanons lassen sich viele Kunstwerke nicht verstehen. Der vorliegende Band zur Ikonographie schafft Abhilfe, indem er eine umfassende Einführung in das weite Feld der verschiedenen Bildthemen, ihrer literarischen Quellen und der Bildfunktionen bietet. Die vorliegende Einführung, als Handbuch konzipiert, erschließt Wege zur Deutung von christlichen und profanen Bildinhalten vom frühen Christentum bis ins 20. Jahrhundert. Sie macht mit den literarischen Quellen wie der Bibel und der Überlieferung der antiken Mythologie vertraut und führt in den Forschungsstand wichtiger Themenfelder wie Typologie und Symbolik ein. Dabei informieren historische Überblicke über die Entwicklung christlicher und profaner Bildthemen und -funktionen. Die Anwendung der ikonographischen Methode wird an ausgewählten Beispielen vorgeführt, die zeigen, daß verschiedene literarische Quellen, Darstellungstraditionen, der Bestimmungsort und die Funktion des Bildes in einem komplexen Geflecht zusammenwirken. Eine Einführung in die Geschichte der ikonographischen Methode und Terminologie sowie ein kommentiertes Literaturverzeichnis vervollständigen das Studienbuch.

Frank Büttner ist emeritierter Professor für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universitä München. Andrea Gottdang ist Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Salzburg.

II. CHRISTLICHE IKONOGRAPHIE


1. Historischer Überblick


Frühes Christentum


Bilderverbot

Das zweite der zehn Gebote, die Moses auf dem Berg Sinai empfing (Exodus 20,4), mahnte das Volk Israel, sich kein Bild von den Dingen des Himmels, des Wassers und der Erde zu formen oder gießen und anzubeten. Deuteronomium 27,15 präzisiert noch einmal, dass jeder verflucht ist, der dieser Vorschrift zuwiderhandelt. Da das Neue Testament dieses Bilderverbot nicht explizit aufhob, respektierte das Christentum es weiterhin, obwohl es durch das Heilsereignis der Inkarnation in Frage gestellt worden war. Ein Standbild von Gottvater oder Christus anzufertigen war für die Urchristen undenkbar. Gegenüber dem Bilderkult und der Vielgötterei der Heiden ließ sich die Lehre vom allmächtigen, einzigen und unsichtbaren Gott nicht glaubhaft vertreten, wenn man wie sie Idole aufstellte und verehrte. Zu groß war die Gefahr der Verwechslung des Abbildes mit dem Abgebildeten. Während sich das Misstrauen gegenüber Skulpturen lange im Christentum hielt, gingen die Meinungen über zweidimensionale Bilder auseinander. Unklar bleibt, ob die frühen Christen als Auftraggeber von Kunstwerken nicht spezifisch christlicher Thematik in Frage kommen.

Katakomben – Altes Testament

Die christliche Ikonographie entstand vermutlich in Mausoleen und Hauskirchen, von denen sich jedoch nichts erhalten hat. Die Überlieferung der Bildzeugnisse beschränkt sich auf Katakomben und Sarkophage, bei deren Ausschmückung die Künstler die Symbolsprache ihrer Umwelt, also der heidnischen Kunst, aufgriffen und umdeuteten. Aus dem einfachen Schafträger einer bukolischen Szene entwickelte sich so die Darstellung des Guten Hirten als Symbol für Christus. Solche Themen hatten den Vorteil, auch den Heiden verständlich zu sein – wenn auch auf etwas andere Weise. Manchmal ist nur anhand des Kontextes zu entscheiden, ob eine Szene profan oder christlich zu deuten ist. Solche Übernahmen aus der römisch-antiken Ikonographie darf man sich nicht als eine Art Mimikry einer Glaubensgemeinschaft erklären, die kein Aufsehen erregen wollte. In der Geschichte der Kunst ist das Aufgreifen vorgeprägter Schemata nicht selten. Es kommt auch der umgekehrte Fall vor, bei dem die christliche Ikonographie Vorbilder für die profane liefert. Einflüsse und Wechselwirkungen gab es auch noch von anderer Seite: Zugleich mit den Christen bildeten die Juden im frühen 3. Jh. ihre religiöse Kunst aus. Ihre ikonographischen Gemeinsamkeiten betrafen Szenen aus dem Alten Testament. Tatsächlich überwiegen in den frühen Katakomben und auf Sarkophagen Darstellungen aus dem Alten Testament gegenüber Szenen aus dem Neuen, wobei der Themenkreis