Ein Sommertag 1992 im Verhandlungssaal der Strafkammer des Cour de Justice im zweiten Stock des Genfer Justizpalasts: Durch die hohen Fenster der Westfassade ergießt sich ein milchiges Licht auf den Fußboden.
Es ist heiß an diesem Nachmittag. Windstill. Der Saal ist klein und schmucklos. Die Seitenwände sind mit hellem Eichenholz getäfelt. Die calvinistische Republik verabscheut Ornamente. Einzige Ausnahme: Ein aus dunklem Holz geschnitztes Genfer Wappen prangt über dem kahlen Haupt des Vorsitzenden. Das Wappen besteht aus einem gespaltenen Schild: links, auf rotem Grund, ein halber schwarzer Adler, Symbol des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation; rechts, auf goldenem Grund, der Schlüssel Petri, Emblem episkopaler Gewalt. Und über dem Schild, in schwarzen Buchstaben, das Motto der calvinistischen Revolution:Post Tenebras Lux.
Man beschuldigt mich, einen der angesehensten Bürger der Republik – einen internationalen Finanzier –, der Geschäftsbeziehungen zum zaïrischen Diktator Mobutu unterhält, verleumdet und beleidigt zu haben. Er verlangt meine strafrechtliche Verurteilung und Schadensersatz von mehr als 500000 FF.
Links auf dem Podium, hinter einer schmiedeeisernen Schranke, die ihn von den Anwälten, Zeugen, Journalisten und dem Publikum trennt, erhebt sich Staatsanwalt Laurent Kasper-Ansermet, ein eleganter, gewiefter Herr in den besten Jahren. Mit klangvoll-feierlicher Stimme prangert er meine unheilvolle Rolle in der Schweiz und in Europa an, geißelt den ungeheuren Schaden, den ich, seiner Meinung nach, der Schweizer Volkswirtschaft zufüge und fordert meine exemplarische Bestrafung.
Dann stellt er einen weiteren, für Prozesse dieser Art sehr ungewöhnlichen Antrag: Er verlangt, mich vom »Beweisantritt auszuschließen«. Der vorgeschobene Grund: Meine Angriffe gegen den Finanzier seien »allgemein und undifferenziert«. Wird diesem Antrag stattgegeben, könnte ich die in meinem Besitz befindlichen beweiskräftigen Dokumente, auf die sich die Analysen in meinem Buch stützen, dem Gericht nicht vorlegen. Auf diese Weise würde verhindert, daß die Strategien zur Ausbeutung der Völker der Dritten Welt, die so manche Schweizer Banken schon seit Generationen so meisterlich beherrschen, öffentlich diskutiert werden.
Nessim Gaons Anwalt ergreift das Wort; nach ihm mein Verteidiger David Lachat. Hinter den hohen Fensterscheiben des Gerichtssaals färbt sich die Sonne golden, dann rot, schließlich versinkt sie am Horizont.
Das Urteil wird gesprochen. Das Gericht gibt allen Anträgen des Staatsanwalts statt.
Der Rechtsstreit, den ich im Juni 1992 verloren habe, ist der letzte in einer langen Serie. Seit dem Erscheinen meines BuchesDie Schweiz wäscht weißer im Februar 1990 haben mich nicht weniger als sieben Bankiers, Finanziers, Spekulanten und Wirtschaftsanwälte in fünf Ländern auf Schadensersatz – Gesamtsumme über 24 Millionen FF – verklagt. Während ich diese Zeilen niederschreibe, sind einige dieser Prozesse im Gange. Andere habe ich bereits verloren. Im Juni 1991 wurde meine parla