1. Kapitel
22. Juli 2016
Ütersen, Deutschland
Als Felicia in die breite Auffahrt vor dem Haus ihrer Eltern fuhr, sah sie auf den ersten Blick, dass ihre Geschwister schon alle da waren. Katharinas SUV mit dem Kindersitz auf der Rückbank parkte direkt vor den breiten Stufen, die zur Eingangstür führten. Dahinter hatte Leon seinen schwarzen Aston Martin einfach schräg mitten auf dem Weg stehengelassen, so wie er gerade aus der Kurve gerauscht war. Julias Mercedes-Cabrio hingegen stand exakt parallel zur Garageneinfahrt.
Felicia quetschte ihren knallroten Smart zwischen den Mercedes und den Aston und schlängelte sich aus der Fahrertür, die sich nur einen Spaltbreit öffnen ließ. Anschließend angelte sie mit ausgestrecktem Arm ihren großen Lederbeutel aus dem Wagen, in dessen unergründlichen Tiefen sie alles mit sich herumschleppte, was sie für unentbehrlich hielt. Und das war eine Menge.
Schwungvoll warf sie sich die Tasche über die Schulter und atmete tief durch. Die Luft duftete nach Blüten und frisch gemähtem Rasen. Auch wenn sie ihr kleines Apartment in Hamburg liebte, war es immer wieder schön, zu einem der regelmäßigen Familienessen nach Hause zu kommen. Ihre Mutter verbrachte den größten Teil ihrer Freizeit im Garten. Alles was sie imBlumen-Paradies anbot, musste hier ausprobiert werden. Die Bepflanzung änderte sich häufig, und in regelmäßigen Abständen tauchten auf den Grünflächen und in den Beeten die neuesten Modelle von großen und kleinen Springbrunnen, Gartenbänke in allen Formen und Farben und mehr oder weniger skurrile Statuen auf. Dagmars neueste Errungenschaft war ein kleiner Seerosenteich mitten im Vorgarten, um den herum sich Ziergräser und Schilf im Wind wiegten.
Felicia machte ein paar Schritte auf den künstlichen See zu, um nachzusehen, ob es im Wasser vielleicht Goldfische gab. Als sie ein leichtes Kitzeln auf dem Fußrücken spürte, blieb sie stehen und sah nach unten. Auf ihrem Fuß saß ein winziger grüner Frosch. Zwischen den knallroten Riemchen ihrer neuen Sandaletten, die sie bei dem schönen Frühlingswetter zum ersten Mal trug, wirkte das kleine Wesen wie ein kostbarer Schmuck.
»Wo kommst du denn her?« Sie bückte sich und konnte nun jede der winzigen Zehen sehen, die sich wie die Finger von Miniaturhänden auf ihrer nackten Haut spreizten. »Wenn du hier herumhüpfst, kommst du noch unter die Räder.«
Vorsichtig hielt sie ihre flache Hand vor das Tierchen und stupste es von hinten mit dem Zeigefinger der anderen Hand an. Zu ihrem Erstaunen hüpfte das Fröschchen tatsächlich auf ihre Handfläche.
»Der Froschkönig!« Unvermittelt tauchte neben ihr der blonde Lockenkopf ihrer dreijährigen Nichte Lilly auf. »Den musst du küssen, Tante Feli!«
Felicia lachte. »Lieber nicht. Ich steh nicht so auf Prinzen.«
»Tatsächlich nicht?« Felicias jüngste Schwester Katharina war ihrem quirligen Töchterchen dicht auf den Fersen. »Wie hat man sich deinen Traummann denn vorzustellen, wenn er schon kein Prinz sein darf?«
Lachend zuckte Felicia mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich schätze, ich werde es wissen, wenn ich ihm begegne.« Sie trug den kleinen Frosch zum Teich und setzte ihn dort vorsichtig auf einen Stein am Rand.
Dann nahm sie Lilly auf den Arm. »Wo sind denn Oma und Opa und der Rest der Familie?« Sie überlegte, wann sie mit ihrer Neuigkeit herausrücken sollte. Ihre Geschwister würden nicht begeistert sein, und ihre Mutter würde zwar nichts sagen, aber Felicia wusste auch so, dass ihre Pläne Dagmar ganz sicher nicht glücklich machten.
»Wir sitzen auf der Terrasse«, erklärte Katharina die Geste ihrer kleinen Tochter, die den Zeigefinger wild in die Gegend gestreckt hatte. »Alle sind schon halb verhungert, weil wir mit dem Essen auf dich gewartet haben. Dabei könnte ich momentan ständig essen.« Stolz tätschelte sie ihren runden Bauch.
Katharina erwartete ein Kind von ihrem frischgebackenen Ehemann Daniel. Lilly war das ungeplante, aber heißgeliebte Resultat einer kurzen Affäre der 19-jährigen Katharina mit einem australischen Austauschstudenten. Nun sollte die kleine Familie durch ein Wunschkind komplett werden.
Als Felicia mit Lilly auf dem Arm um die Hausecke bog, war tatsächlich die ganze Familie unter der rot gestreiften Markise versammelt: ihr Bruder Leon, ausnahmsweise ohne seine schicke Freundin Isabel, ihre Schwester Julia, Katharinas Ehemann Daniel und natürlich ihre El