Geheimnisvoll lag der Novembernebel über den dichten Mischwäldern des Taunus und verhüllte die altehrwürdigen Mauern von Schloss Falkenstein, nordwestlich von Frankfurt.
Das Fürstenschloss befand sich in der unmittelbaren Nähe von Kronberg und Oberursel, inmitten eines weitläufigen Parks mit altem Baumbestand. Im Osten grüßte die Spitze des Feldbergs, und die gewundene Linie des Limes ließ sich von Falkenstein aus zu einem Großteil erwandern.
Die Fürsten Falkenstein lebten seit vielen Generationen in diesem landschaftlich ebenso reizvollen wie strategisch vorteilhaften Gebiet. In früheren Zeiten galt das Schloss als gut befestigt und kaum einnehmbar. Feinde waren bereits aus weiter Entfernung auszumachen und hatten deshalb keine Chance, die wehrhaften Schlossbewohner zu überraschen.
Heutzutage war das Leben auf Falkenstein weitaus entspannter. In dem ehedem zur Verteidigung angelegten Wassergraben wuchsen nun im Sommer weiße Seerosen, und die alten Kanonen zierten als reine Dekoration den Schlosshof.
Fürst Ulrich und seine Frau Sophie-Marie, eine geborene Prinzessin Waldeck-Hannover, führten seit über dreißig Jahren eine harmonische Ehe, der zwei Kinder entsprungen waren.
Prinz Christian, der Erstgeborene, hatte vor drei Jahren Valerie von Hohenheim geheiratet, eine rassige kleine Person mit dunklen Locken und tiefblauen Augen. Der blonde Prinz hatte sich auf den ersten Blick in die sprühende Schönheit mit dem ausgemachten Dickkopf verliebt. Sie hatten beruflich miteinander zu tun gehabt, denn Prinzessin Valerie war, wie Christian, sein Vater und auch seine jüngere Schwester Alexandra, Anwältin.
Die Falkensteins führten eine renommierte Kanzlei in Frankfurt und deckten durch ihre individuellen Spezialisierungen beinahe alle Fachgebiete der Juristerei ab. Seit einer Weile arbeitete Prinzessin Valerie nur noch halbtags und würde in wenigen Tagen ganz aufhören. Sie erwartete nun sehr bald ihr erstes Kind und musste wegen diverser Beschwerden ein wenig kürzertreten. Christian war ein sehr besorgter werdender Vater, dessen ganze Aufmerksamkeit und Zuneigung seiner Frau galten.
Prinzessin Alexandra verstand sich gut mit ihrer Schwägerin. Die schöne junge Blondine mit den himmelblauen Augen hatte bislang nur die Sonnenseiten des Lebens kennengelernt.
Sie war von klein auf das Lieblingskind der Eltern, und von ihrem älteren Bruder wurde sie regelrecht verhätschelt. Als der Fürst das blond gelockte kleine Mädchen zum ersten Mal im Arm gehalten hatte, war es um ihn geschehen gewesen.
Fortan hatte er nur eines im Sinn gehabt: dem zauberhaften Engel jeden Wunsch von den Augen abzulesen