: Ulli Wegner, Andreas Lorenz
: Mein Leben in 13 Runden
: Neues Leben
: 9783355500388
: 1
: CHF 14.40
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ulli Wegner ist mittlerweile der älteste Trainer im deutschen Profi-Boxen - und ungebrochen ehrgeizig. Seine Schützlinge gewannen 150 internationale Medaillen; als Profitrainer machte er sechs Weltmeister und fünf Europameister. Dreizehnmal in Folge wurde Wegner zum Trainer des Jahres gewählt. Wer so unermüdlich ist, hat auch immer wieder Neues zu erzählen. Deswegen legt er nach: Die erfolgreiche Biografie von 2012 erscheint mit vielen neuen Geschichten über Prinzipien, Leidenschaft und die Menschen, die sich im härtesten Sport der Welt durchboxen. Wie geht es mit dem Sauerland-Boxstall weiter, wenn er aufhört? Wie sehr fehlt Fritz Sdunek? Wegner ist ein Unikum, spricht aus, was er denkt, hat Haltung und Humor - ein (Lese-)Erlebnis, ihn in den Boxring und an die Stationen seines Lebens zu begleiten.

Ulli Wegner, geboren 1942 in Stettin, war Amateurboxer in Rostock, Erfurt und Gera, ab 1971 Trainer, 1991 Bundestrainer und wechselte 1996 ins Profilager. Er machte unter anderem Sven Ottke, Arthur Abraham und Marco Huck zu Weltmeistern. Ulli Wegner ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Andreas Lorenz, 1962 in Nürnberg geboren, Sportjournalist, seit 2004 Sportressortleiter beim 'Berliner Kurier', Autor von 'Sven Ottke. Ich lebe meinen Traum' und 'Regina Halmich. Noch Fragen?'.

2. KAPITEL

Wanderjahre

Wie ich auszog, um erst Traktoren- und Maschinenschlosser, dann Fußballer, Boxer und schließlich Boxtrainer zu werden

Das Elternhaus in Penkun verließ ich, als ich immer noch 14 Jahre alt war, um eine Lehre zu machen. Gelernt habe ich, volle drei Jahre lang, Traktoren- und Landmaschinenschlosser. Für mich eine logische Sache, weil rund um Penkun die Menschen in der Landwirtschaft arbeiteten und immer wieder Reparaturen an den Treckern, Mähdreschern und Zugmaschinen zu erledigen waren. Als Traktoren- und Landmaschinenschlosser arbeitete man in einer MTS, einer Maschinen-Traktoren-Station. Das war mein Ziel.

Aber erst einmal hieß das, auf eigenen Beinen zu stehen. 80 Kilometer von Penkun, meiner Heimatstadt, entfernt, kam ich in Anklam ins Internat. Das ungefähr war die Zeit, diese Jahre zwischen 1957 und 1960, in denen ich so langsam, aber ganz langsam, einen Blick fürs Leben bekam.

Da war die DDR, in der ich was erreichen wollte, noch ohne Mauer. Also war ich überall dabei, machte überall mit. FDJ (Freie Deutsche Jugend), Junge Pioniere, GST. Letzteres heißt Gesellschaft für Sport und Technik, eine Jugendorganisation, bei der man unter anderem den Führerschein machen konnte. Das alles braucht schon wieder eine Erklärung, und dazu muss ich ein bisschen ausholen.

Ich habe die DDR immer ernst genommen, war garantiert keiner, der aktiv am Ende des Sozialismus mitgearbeitet hat. Nein, ich habe mich arrangiert und war zufrieden, wenn ich das tun konnte, was ich tun wollte. Dass ich dennoch etliche Male angeeckt bin – ich werde Ihnen noch davon erzählen –, hat eher mit meinem Charakter, denn mit meiner politischen Einstellung zu tun.

Ich habe aber auch immer die Stimmen aus meinem Umfeld im Ohr gehabt, die sich kritisch mit unserem Staatssystem auseinandergesetzt haben. Nicht nur mein Bruder Fritz prophezeite den Untergang der DDR bei jeder Gelegenheit, auch mein Vater fand vieles, was nicht in Ordnung war. »Bei uns kann sich doch keiner entwickeln«, sagte er immer. »Das, was die Leute können, wird nicht gefördert. Es wird nur angeordnet, was zu tun ist.«

Er las jeden Tag die Zeitung. Und schimpfte jeden Tag darüber. »Das sind doch nur Lügen im staatlichen Auftrag. Das ist doch nur Propaganda. So sieht die Wirklichkeit in unserem Lande doch gar nicht aus.« Wenn ich ihn dann fragte, warum er jeden Tag eine Zeitung kaufte, die für ihn voller Lügen war, kam der entwaffnende Satz: »Ich muss mich doch informieren.«

In dieselbe Kerbe schlägt die Geschichte mit dem Fernseher. Ich habe meiner Mutti irgendwann einen gekauft – und Vater regte sich unglaublich darüber auf. »Was für eine sinnlose Geldverschwendung.« Dann aber war er es, der die ganze Zeit vor dem Bildschirm hockte. Und immer, wenn im DDR-Fernsehen Nachrichten oder ein politischer Beitrag gesendet wurden, aus dem Schimpfen nicht herauskam.

Viel wirkungsvoller als diese Systemkritik waren für mich als Teenager aber die Besuche in Westberlin. Ich hatte eine Tante und einen Onkel, die in der Prinzenstraße wohnten. In Kreuzberg. Nur ein paar hundert Meter im Westen – aber für mich eine ganz andere Welt.

Der Westen leuchtete, so albern das jetzt klingen mag. Im Westen brannten schon am frühen Abend die Straßenlaternen und die Lichter in den Läden und Häusern. Es gab Reklame und schon richtige Autos. Manchmal blieb ich ein paar Tage zu Besuch, dort drüb