2. KAPITEL
Wanderjahre
Wie ich auszog, um erst Traktoren- und Maschinenschlosser, dann Fußballer, Boxer und schließlich Boxtrainer zu werden
Das Elternhaus in Penkun verließ ich, als ich immer noch 14 Jahre alt war, um eine Lehre zu machen. Gelernt habe ich, volle drei Jahre lang, Traktoren- und Landmaschinenschlosser. Für mich eine logische Sache, weil rund um Penkun die Menschen in der Landwirtschaft arbeiteten und immer wieder Reparaturen an den Treckern, Mähdreschern und Zugmaschinen zu erledigen waren. Als Traktoren- und Landmaschinenschlosser arbeitete man in einer MTS, einer Maschinen-Traktoren-Station. Das war mein Ziel.
Aber erst einmal hieß das, auf eigenen Beinen zu stehen. 80 Kilometer von Penkun, meiner Heimatstadt, entfernt, kam ich in Anklam ins Internat. Das ungefähr war die Zeit, diese Jahre zwischen 1957 und 1960, in denen ich so langsam, aber ganz langsam, einen Blick fürs Leben bekam.
Da war die DDR, in der ich was erreichen wollte, noch ohne Mauer. Also war ich überall dabei, machte überall mit. FDJ (Freie Deutsche Jugend), Junge Pioniere, GST. Letzteres heißt Gesellschaft für Sport und Technik, eine Jugendorganisation, bei der man unter anderem den Führerschein machen konnte. Das alles braucht schon wieder eine Erklärung, und dazu muss ich ein bisschen ausholen.
Ich habe die DDR immer ernst genommen, war garantiert keiner, der aktiv am Ende des Sozialismus mitgearbeitet hat. Nein, ich habe mich arrangiert und war zufrieden, wenn ich das tun konnte, was ich tun wollte. Dass ich dennoch etliche Male angeeckt bin – ich werde Ihnen noch davon erzählen –, hat eher mit meinem Charakter, denn mit meiner politischen Einstellung zu tun.
Ich habe aber auch immer die Stimmen aus meinem Umfeld im Ohr gehabt, die sich kritisch mit unserem Staatssystem auseinandergesetzt haben. Nicht nur mein Bruder Fritz prophezeite den Untergang der DDR bei jeder Gelegenheit, auch mein Vater fand vieles, was nicht in Ordnung war. »Bei uns kann sich doch keiner entwickeln«, sagte er immer. »Das, was die Leute können, wird nicht gefördert. Es wird nur angeordnet, was zu tun ist.«
Er las jeden Tag die Zeitung. Und schimpfte jeden Tag darüber. »Das sind doch nur Lügen im staatlichen Auftrag. Das ist doch nur Propaganda. So sieht die Wirklichkeit in unserem Lande doch gar nicht aus.« Wenn ich ihn dann fragte, warum er jeden Tag eine Zeitung kaufte, die für ihn voller Lügen war, kam der entwaffnende Satz: »Ich muss mich doch informieren.«
In dieselbe Kerbe schlägt die Geschichte mit dem Fernseher. Ich habe meiner Mutti irgendwann einen gekauft – und Vater regte sich unglaublich darüber auf. »Was für eine sinnlose Geldverschwendung.« Dann aber war er es, der die ganze Zeit vor dem Bildschirm hockte. Und immer, wenn im DDR-Fernsehen Nachrichten oder ein politischer Beitrag gesendet wurden, aus dem Schimpfen nicht herauskam.
Viel wirkungsvoller als diese Systemkritik waren für mich als Teenager aber die Besuche in Westberlin. Ich hatte eine Tante und einen Onkel, die in der Prinzenstraße wohnten. In Kreuzberg. Nur ein paar hundert Meter im Westen – aber für mich eine ganz andere Welt.
Der Westen leuchtete, so albern das jetzt klingen mag. Im Westen brannten schon am frühen Abend die Straßenlaternen und die Lichter in den Läden und Häusern. Es gab Reklame und schon richtige Autos. Manchmal blieb ich ein paar Tage zu Besuch, dort drüb