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Der Zug war voll besetzt – über fünfhundert Passagiere. Die meisten davon wollten zu einem Bezirksgesangsfest in Münchenstein, das bereits am Vormittag begonnen hatte. Wegen des hohen Fahrgastaufkommens hatte die Bahngesellschaft zwei weitere Personenwagen eingestellt und eine zweite Lokomotive vorgespannt.
Paul war von der Zugkombination überrascht worden. Niemand hatte ihm die Änderung mitgeteilt. Er war versucht gewesen, dagegen Einspruch zu erheben. Doch als er und Louise auf dem Bahnsteig eingetroffen waren, waren die zusätzlichen Personenwagen bereits zum Großteil besetzt gewesen. Die Passagiere wieder aussteigen zu lassen, die beiden Wagen auszuspannen und den Zug neu zusammenzustellen, hätte zu einer Verspätung geführt, die den gesamten Zugverkehr aus Basel an diesem Tag zum Erliegen gebracht hätte. Ganz zu schweigen von dem Chaos auf dem Bahnsteig und der Wut der Passagiere, die bereits Fahrkarten gelöst hatten, aber hätten zurückgelassen werden müssen. Paul hatte es nicht übers Herz gebracht, und er wusste auch nicht, ob er sich gegen den Zugführer hätte durchsetzen können. Die Bahngesellschaft hatte ihm weitreichende Kompetenzen verliehen, aber diese erstreckten sich nur auf Zustand und Wartung des Schienennetzes, nicht auf den Zugverkehr an sich.
Der Zug lief ruhig auf dem Gleis. Den Rangier- und Güterbahnhof der Schweizer Centralbahngesellschaft hatte er bereits passiert. Danach hatte er deutlich beschleunigt. In den nächsten Minuten würde er in die weite Kurve einlaufen, die auf die Birsbrücke führte, und dann in den Bahnhof von Münchenstein. Die Brücke war erst vor fünfzehn Jahren eingeweiht worden, eine Arbeit des Architekturbüros von Gustave Eiffel, der große Erfahrung im Bau von Eisenbahnbrücken und Viadukten besaß. Vor zehn Jahren hatte ein Hochwasser die Brücke stark beschädigt; sie war sofort repariert worden, und vor einem Jahr hatte man sie weiteren Verstärkungsmaßnahmen unterzogen. Dass Paul und Louise sich im Zug befanden, hatte mit diesen Reparaturen zu tun.
Paul Baermann war seit seiner Jugend von der Eisenbahn fasziniert. Die erste Fahrt einer dampfgetriebenen Lokomotive auf deutschem Boden, die Fahrt des legendärenAdlervon Nürnberg nach Fürth, hatte sein gesamtes weiteres Leben bestimmt. Seiner Leidenschaft wegen hatte er sein gutbürgerlich vorgeplantes Leben in München aufgegeben und war nach Stationen in Berlin und Paris schließlich auf Gut Briest in Preußen heimisch geworden – ohne jemals seinen Beruf wirklich aufzugeben. Aus dem Münchner Lehrjungen war ein preußischer Gutsherr geworden, aus dem Abenteurer ein verheirateter Mann, aus dem Ingenieur ein begehrter Streckenplaner, dessen unfehlbarer Instinkt ihn zu einer Koryphäe hatte werden lassen. Auch heute noch war seine Expertise gefragt.
Paul war mittlerweile siebzig. Man sah es ihm kaum an. Das blonde Haar und der kurzgeschnittene Bart waren grau geworden, die Schultern ein wenig runder, die Hüften ein wenig breiter. Seine Augen und sein Lachen waren aber immer noch zwanzig Jahre alt. Er liebte seinen Beruf, er liebte sein Leben, er