2. KAPITEL
CYWEN
Cywen erwachte genauso langsam wie die hereinkriechende Flut.
Als Erstes kehrte ihr Gefühl zurück. Ein dumpfes Pochen in ihrem Kopf, ihrer Schulter, ihrer Hüfte. Ihr ganzer Körper war wie zerschlagen, aber einige Stellen schmerzten besonders. Dann hörte sie es. Ein Stöhnen, gedämpfte Stimmen, Schritte, ein schabendes Kratzen, als würde etwas über den Boden gezogen. Dann das Kreischen von Möwen und das ferne Rauschen des Meeres. Sie versuchte, die Augen zu öffnen. Eines war verkrustet und geschwollen. Das Tageslicht drang ihr wie ein Stich ins Hirn.Wo bin ich? Sie sah sich um. Krieger in roten Mänteln zerrten Leichen über den gepflasterten Hof und hinterließen blutige Spuren auf den Steinen. Sie warfen die Toten auf einen Haufen mit Leichnamen.
Plötzlich strömte alles auf sie ein, kamen all die Erinnerungen zurück, das Gespräch mit Marrock auf den Zinnen, Evnis im Burghof, die schwarz gekleideten Krieger innerhalb der Mauern, die Tore, die sich öffneten, undConall …
Irgendetwas Weiches befand sich unter ihr. Sie lag auf einer Toten, einer Frau, die mit leblosen Augen zu ihr hinaufstarrte. Taumelnd rappelte sich Cywen auf, und alles drehte sich um sie, bevor die Welt wieder zur Ruhe kam.
Das Steintor stand weit offen. Ein gleichförmiger Strom von Menschen ging durch die Tore hinein und hinaus. Die meisten trugen die roten Mäntel von Narvon. Schwarze Rauchsäulen stiegen in den blassen Himmel empor, wo ein leichter Wind vom Meer her an ihnen zupfte und sie zu einem Schleier formte.
Die Schlacht ist also verloren. Dun Carreg ist gefallen.
Dann drang ein anderer Gedanke durch ihren benebelten Verstand.Meine Familie.
Sie betrachtete die Leichen um sich herum und erinnerte sich daran, wie sie mit Conall hinabgestürzt war. Aber sie konnte ihn nirgends unter den Toten entdecken. Die Gesichter ihrer Mam und ihres Pas zuckten ihr durch den Kopf, außerdem die von Corban und Ghar. Wo waren sie nur alle?
Cywen entfernte sich unbehelligt aus dem Burghof und ließ sich langsam durch die Straßen treiben, folgte der Spur der Toten. Sie lagen überall herum, manchmal in kleinen Haufen, wo die Kämpfe heftiger getobt hatten, und einige Lachen waren immer noch in makabrer Umarmung ineinander verschlungen. Der Geruch von Rauch und Feuer verstärkte sich, je weiter sie in die Festung hineinging. Unwillkürlich lenkte sie ihre Schritte zu den Stallungen. Dort waren noch mehr Krieger, rot gewandete Männer, die sich um die panischen Pferde kümmerten. Sie sah Corbans Hengst Schild in der kleinen Koppel. Dann war er verschwunden, zwischen den anderen Pferden der Herde, die dort zusammengetrieben worden war.
Wo ist Ghar?
Wie in einem Traum ging sie weiter und musterte die Gesichter der Toten. Sie suchte nach ihrer Familie. Jedes Mal war sie erleichtert, wenn sie in ein lebloses Gesicht blickte und es nicht einem von ihnen gehörte. Sie suchte weiter und wurde hektischer, bis sie sich schließlich in dem Hof vor der Großen Halle wiederfand.