Natalie
Natalie Clark war spät dran.
Es war ein Dienstag, und sie wartete in ihrem Wagen vor der Pine Wood Elementary School, wo ihre Tochter Hailey die zweite Klasse besuchte. Natalie trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad und schaute zu dem großen Schild über dem Eingang, das in knallroten Buchstaben verkündete: 2015WIRD UNSER ALLERBESTES JAHR! Im Geiste zählte sie die Red-Velvet-Cupcakes durch, die sie hinten im Kofferraum verstaut hatte. Sechs Dutzend waren bestellt, aber für den Fall, dass ihr einige nicht tadellos gelungen waren, hatte sie vorsichtshalber gleich mehr gebacken und dann so viel Zeit darauf verwendet, das Frischkäse-Topping absolut perfekt aufzuspritzen und die Minikuchen unbeschadet in die Kartons zu verfrachten, dass sie jetzt fürchtete, im Eifer des Gefechts einen davon auf dem Küchentisch stehen gelassen zu haben.
»Verdammt«, murmelte sie und schnallte sich ab, sprang aus dem Wagen und lief zum Kofferraum. Es war ein grauer, feuchter Nachmittag Ende September, doch sie verschwendete keinen Gedanken daran, dass der leichte Nieselregen ihre Frisur ruinieren könnte, sondern zählte konzentriert die blassvioletten Kartons durch, in denen sie sämtliche Produkte ihrer FirmaJust Desserts auslieferte. Nein, sie hatte nichts vergessen, die Bestellung war komplett eingeladen, ein Glück. Eigentlich hatte Natalie ihre Tochter abholen wollen, nachdem sie die Cupcakes bei der Kundin abgeliefert hatte, um dann auf dem Rückweg auch noch Henry von der Kita mitzunehmen. Nun würde Hailey den kleinen Umweg mitfahren müssen, aber es war ja nicht weit. Und es geschah nicht zum ersten Mal, dass Natalies kulinarischer Perfektionismus ihr einen Strich durch ihren peinlich genau kalkulierten Zeitplan machte.
Das Hupen des Wagens hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken, und als Natalie aufschaute, stellte sie fest, dass alle Fahrer vor ihr bereits ihre Kinder abgeholt hatten und verschwunden waren. Sie hielt hier den ganzen Verkehr auf, was unter den Eltern nicht gern gesehen war; wenn man in der Warteschlange über Gebühr bummelte, konnte es einem sogar passieren, dass der Hintermann einen mit der Stoßstange anschob.
»Unglaublich«, hatte Kyle nur gemeint, als Natalie ihrem Mann von dem Auffahrmanöver erzählt hatte, dessen Zeugin sie vor ein paar Wochen geworden war. »Das Opfer sollte ihn wegen Nötigung im Straßenverkehr und möglicher Sachbeschädigung verklagen.« Kyle war Strafverteidiger und neigte dazu, überall potenzielle Rechtsverstöße zu sehen, darin vielleicht einem Elektriker nicht unähnlich, der in jedem fremden Haus erst einmal Lichtschalter und Leitungen in Augenschein nahm.
Natalie war ebenfalls Anwältin, doch nach ihrem Referendariat und drei wenig glücklichen Jahren bei Bender& Beck, der Kanzlei ihres Vaters, hatte sie beschlossen, nach Haileys Geburt nicht in ihren Beruf zurückzukehren. Die Entscheidung war ihr leichtgefallen, das Gespräch mit ihrem Vater war dafür umso schwerer gewesen. Tatsache war, dass sie nie mit Leidenschaft bei der Sache gewesen war und nur de