B E R L I N, 2 2. O K T O B E R 1 9 4 6
Als Faustschläge gegen die Tür donnerten, richtete das Mädchen sich im Bett auf und lauschte in die Dunkelheit. Sie hörte ihren eigenen Atem. Jetzt dröhnten Männerstimmen von der Straße herauf, und im Zimmer nebenan knarzte das Bett der Eltern. Nelly erhob sich leise und schlich auf nackten Füßen zum Fenster.
Vor dem Haus stand ein Militärlastwagen, und Soldaten, die mit Maschinengewehren bewaffnet waren, blickten aufmerksam an der Fassade hoch. Ein Offizier rauchte, sie sah die Zigarettenspitze aufglimmen, bevor er die Zigarette auf die Straße schnippte und in russischer Sprache einen Befehl erteilte.
Wieder erbebte die Tür unter Fausthieben. Nellys Brust schnürte sich zu, sie bekam kaum noch Luft.
»Ich komme«, rief der Vater.
Sie hörte das Flüstern der Eltern im Wohnungsflur, dann die Schritte ihres Vaters und das Aufschließen der Tür. Schwere Stiefel polterten in die Wohnung. Hastig sah das elfjährige Mädchen sich um. Schreibtisch? Bett? Schrank? Armselige Verstecke! Der Vorhang am Fenster?
»Wer gibt Ihnen das Recht, hier einzudringen? Es ist drei Uhr in der Früh!« Vaters Protest ging in russischen Befehlen unter.
Die Tür zum Kinderzimmer wurde aufgerissen, und ein Militärpolizist schaltete das Licht ein. Er rief zwei Uniformierte heran und zeigte auf Nellys Schrank. Sie nahmen Nägel aus einer kleinen Schachtel und nagelten mit groben Hammerschlägen die Schranktür zu. Zwei andere trugen den Schreibtisch hinaus. Sahen sie Nelly gar nicht?
Sie lief zur Mutter, die aber auch nur ungläubig auf die Uniformierten starrte, die ihre Wohnzimmerschränke zunagelten. Vater redete leise mit dem Offizier. Der musste etwas Schlimmes gesagt haben, denn Vater wurde blass und sagte zu Mutter und ihr: »Zieht euch an.«
Der Schrank, der Nellys gesamte Kleidung enthielt, wurde gerade hinausgetragen, und sie spürte, wie ihr Herz heftiger schlug. Sie würde die Sachen von gestern anziehen müssen, die über der Stuhllehne hingen. Die Badezimmertür schloss sich. Kurz darauf hörte Nelly ihre Mutter im Bad schluchzen.
»Schnell«, sagte Vater, schob Nelly in ihr Zimmer zurück und schloss von draußen die Tür.
Wo der Schreibtisch und der Schrank gestanden hatten, lagen jetzt Staubflusen. Nelly löschte das Licht, damit man sie nicht durch das Fenster sah, schlüpfte aus dem Pyjama und zog sich an. Anziehen bedeutete, man würde sie von hier wegbringen. Durften sie nicht länger in diesem herrschaftlichen Haus in der schönen Sternallee wohnen? Wurden sie gar ins Gefängnis gesteckt? Was hatten sie denn verbrochen?
Sie zog die Kiste mit der Laterna magica unter dem Bett hervor. Ihre Traummaschine. Wenn für ein Kind eine Ausnahme gemacht wurde und sie die Laterna magica mitnehmen durfte, würden die leuchtenden Bilder ihr in der kalten Zelle Trost spenden. Aber gab es überhaupt Strom in Gefängniszellen? Notfalls musste sie sich die Bilder eben ohne künstliches Licht anschauen und sie einfach