: Titus Müller
: Der Tag X Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641211554
: 1
: CHF 9.90
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: Erzählende Literatur
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der große Roman über den Aufstand am 17. Juni 1953, als 24 Stunden alles möglich schien

Das Leben der Gymnasiastin Nelly Findeisen wird mit jedem Tag komplizierter. Es reicht nicht, dass sie ihren Vater, der vor sieben Jahren nach Russland abkommandiert wurde, nie mehr sieht, auch ihre Mutter wird ihr zusehends fremder. Hinzu kommt ihr Engagement in einer kirchlichen Jugendorganisation, was im Frühjahr 1953 zum Rauswurf aus der Schule führt. Trost könnte sie bei dem jungen Uhrmacher Wolf Uhlitz finden, der sich in sie verliebt hat. Er will ihr helfen, legt sich dafür sogar mit seinem Vater an, entwendet staatliche Dokumente und landet im Gefängnis. Was Wolf nur vage ahnt: Die junge Nelly steht in einer geheimnisvollen Verbindung mit einem russischen Spion namens Ilja, der sie mit Nachrichten über ihren verschleppten Vater versorgt und den Austausch von Briefen mit ihm vermittelt. Wie Wolf träumt auch Ilja von einem Leben mit Nelly – aber als sich in Berlin und Halle die Unzufriedenheit mit dem Regime in Massendemonstrationen entlädt, hängt ihrer aller Leben an seidenen Fäden.

Titus Müller erzählt eindringlich und packend vom Leben der Aufbegehrenden und entfaltet authentisch und detailgenau das Panorama eines Aufstandes, der beispielhaft wurde.

Titus Müller, geboren 1977, studierte Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik. Mit 21 Jahren gründete er die Literaturzeitschrift »Federwelt« und veröffentlichte seither mehr als ein Dutzend Romane. Er lebt mit seiner Familie in Landshut, ist Mitglied des PEN-Clubs und wurde u.a. mit dem C.S. Lewis-Preis und dem Homer-Preis ausgezeichnet. Seine Trilogie um »Die fremde Spionin« brachte ihn auf die SPIEGEL-Bestsellerliste und wird auch von Geheimdienstinsidern gelobt.

B E R L I N, 2 2. O K T O B E R 1 9 4 6

Als Faustschläge gegen die Tür donnerten, richtete das Mädchen sich im Bett auf und lauschte in die Dunkelheit. Sie hörte ihren eigenen Atem. Jetzt dröhnten Männerstimmen von der Straße herauf, und im Zimmer nebenan knarzte das Bett der Eltern. Nelly erhob sich leise und schlich auf nackten Füßen zum Fenster.

Vor dem Haus stand ein Militärlastwagen, und Soldaten, die mit Maschinengewehren bewaffnet waren, blickten aufmerksam an der Fassade hoch. Ein Offizier rauchte, sie sah die Zigarettenspitze aufglimmen, bevor er die Zigarette auf die Straße schnippte und in russischer Sprache einen Befehl erteilte.

Wieder erbebte die Tür unter Fausthieben. Nellys Brust schnürte sich zu, sie bekam kaum noch Luft.

»Ich komme«, rief der Vater.

Sie hörte das Flüstern der Eltern im Wohnungsflur, dann die Schritte ihres Vaters und das Aufschließen der Tür. Schwere Stiefel polterten in die Wohnung. Hastig sah das elfjährige Mädchen sich um. Schreibtisch? Bett? Schrank? Armselige Verstecke! Der Vorhang am Fenster?

»Wer gibt Ihnen das Recht, hier einzudringen? Es ist drei Uhr in der Früh!« Vaters Protest ging in russischen Befehlen unter.

Die Tür zum Kinderzimmer wurde aufgerissen, und ein Militärpolizist schaltete das Licht ein. Er rief zwei Uniformierte heran und zeigte auf Nellys Schrank. Sie nahmen Nägel aus einer kleinen Schachtel und nagelten mit groben Hammerschlägen die Schranktür zu. Zwei andere trugen den Schreibtisch hinaus. Sahen sie Nelly gar nicht?

Sie lief zur Mutter, die aber auch nur ungläubig auf die Uniformierten starrte, die ihre Wohnzimmerschränke zunagelten. Vater redete leise mit dem Offizier. Der musste etwas Schlimmes gesagt haben, denn Vater wurde blass und sagte zu Mutter und ihr: »Zieht euch an.«

Der Schrank, der Nellys gesamte Kleidung enthielt, wurde gerade hinausgetragen, und sie spürte, wie ihr Herz heftiger schlug. Sie würde die Sachen von gestern anziehen müssen, die über der Stuhllehne hingen. Die Badezimmertür schloss sich. Kurz darauf hörte Nelly ihre Mutter im Bad schluchzen.

»Schnell«, sagte Vater, schob Nelly in ihr Zimmer zurück und schloss von draußen die Tür.

Wo der Schreibtisch und der Schrank gestanden hatten, lagen jetzt Staubflusen. Nelly löschte das Licht, damit man sie nicht durch das Fenster sah, schlüpfte aus dem Pyjama und zog sich an. Anziehen bedeutete, man würde sie von hier wegbringen. Durften sie nicht länger in diesem herrschaftlichen Haus in der schönen Sternallee wohnen? Wurden sie gar ins Gefängnis gesteckt? Was hatten sie denn verbrochen?

Sie zog die Kiste mit der Laterna magica unter dem Bett hervor. Ihre Traummaschine. Wenn für ein Kind eine Ausnahme gemacht wurde und sie die Laterna magica mitnehmen durfte, würden die leuchtenden Bilder ihr in der kalten Zelle Trost spenden. Aber gab es überhaupt Strom in Gefängniszellen? Notfalls musste sie sich die Bilder eben ohne künstliches Licht anschauen und sie einfach